Post-Corona, Corona Post

Zum ersten Mal seit Monaten zeigt sich Licht im Corona-Tunnel. Noch ist es eher ein kleines Lämpchen, aber immerhin: Deutschland fängt endlich damit an, richtig – und das heißt: durchorganisiert – zu impfen. Die Impfreihenfolge ist aufgehoben, jetzt dürfen (fast) alle. Die niedergelassenen Ärzte sind mit eingestiegen und impfen im Minutentakt. Letzte Woche wurden in Deutschland an einem Tag mehr als 1 Mio. Leute geimpft. Auch ich habe diese Woche meine erste Corona-Impfung ergattert – juhu! Dank an Freunde von Freunden, die mir den Termin in einer privaten Praxis verschafft haben.

Zudem sind für das kommende Wochenende endlich Temperaturen angekündigt, die für einen Mai angemessen sind. Auch das Klima scheint also ein Einsehen zu haben. Raus aus den wintermanteligen Vermummungen und rein ins Licht des Post-Corona Frühlings. Die Masken bleiben natürlich bis auf Weiteres, aber immerhin, ein Anfang ist gemacht.

Zeit für einen Post-Corona Post

Von diesen Lichtblicken aus Corona-Statistik, Wetterprognosen und ganz persönlichen Aufhellungen meiner Situation als „Geimpfte“ geleitet, wandert mein Blick vom Mittendrin zu den Rändern der Pandemie-Bubble und von dort nach draußen, in ein zukünftiges Post-Corona-Land, hin zu dem, was sich verändert haben wird. Futur 2, ungewohnter Betrachtungswinkel: Was wird bleiben vom Ausnahmezustand, der sich im Laufe der vergangenen 15 Monaten in eine neue Normalität verwandelt hat?

Weniger Autoverkehr und stattdessen fahrradfreundliche Städte? Ein bewussterer Umgang mit den natürlichen Ressourcen? Beruflicher Alltag im Remote Work am heimischen Bildschirm? Weniger Fleisch essen? Regional Urlaube statt Flugreisen übers Wochenende? Energieeffizientes Bauen mit recyclingfähigen Materialien? Bestimmt von allem ein bisschen, wenigstens, hoffentlich.

Arbeit

Wenn ich meine persönliche Bilanz ziehe, dann hat sich auf jeden Fall eine Sache ganz fundamental verändert: Mein Verständnis von Arbeit. Das wird bleiben, da bin ich sicher.

Ich arbeite weniger, mit mehr Spaß und verdiene dabei mehr. Nein, nicht Geld, davon habe ich seit der Pandemie definitiv weniger. Was ich meine, ist ein Gewinn an Energie, Selbstwirksamkeit und Glück. Ja, genau: Glück! Das hat sehr viel zu tun mit Selektion. Ich bin kritischer geworden mit dem, was ich tue, wähle bewusster aus, mit wem und womit ich meine Zeit verbringe. Irgendwann im vergangenen Jahr habe ich meine berufliche Existenz entkoppelt von Leistungsdruck und wirtschaftlichen Effizienzdenken. Ich bin aus der Spirale des Höher, Weiter, Schneller ausgestiegen und bewege mich nun in einem selbstgeschaffenen Ökosystem aus Werten und Überzeugungen. Ich mache Dinge, die ich vertreten kann und die mache ich so gut wie möglich. Klingt einfach? Ist es auch, man muss sich allerdings darauf einlassen – und die Angst verlieren, zu scheitern, nie mehr einen „ordentlichen“ Job zu bekommen oder die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Ich habe gelernt, dass sich das Alles von alleine regelt, wenn erst die Angst und der Leistungsdruck verschwunden sind.

Das war am Anfang der Pandemie durchaus anders. 

Zuerst kam die Panik

Wie bei fast allen freiberuflichen Kreativarbeiter*innen brachen auch bei mir kurz nach Ausbruch der Pandemie die Jobs weg. Bestehende Aufträge wurden, sofern möglich, storniert oder auf unbestimmte Zeit verschoben, Akquiseverhandlungen eingefroren und laufende Projekte auf ein Minimum heruntergefahren. Auf einmal hatte ich Zeit. Viel Zeit, die ich mir immer gewünscht hatte, aber die auf einmal so unsäglich zäh vor sich hin floss und ein ebenso zähes Grübeln verursachte: Soll ich mich um eine Festanstellung kümmern? Im Supermarkt Regale einräumen? Eine Weiterbildung beantragen? All die schönen Ideen, die ich mir immer für eine Zeit aufgehoben hatte, in der ich – endlich – einmal Zeit haben würde, klangen auf einmal wie der reinste Hohn: ein Buch schreiben, den Lampenschirm vom Sperrmüll restaurieren, die zehn Bücher lesen, die seit Monaten in meinem ebook-Speicher vor sich hinmodern oder auf der Terrasse meines Landhauses sitzend die Blüten des Birnbaums zählen, die sich über meinem Kopf ausbreiten? Die Möglichkeiten waren ebenso unendlich wie unmöglich. Mitten im Ausnahmezustand schien es geradezu absurd, einfach so in den Tag zu leben. Die Zukunft war ungewiss wie selten und ich musste doch irgendetwas “Vernünftiges” tun …?!

Viele schlaflose Nächte folgten

Bekomme ich morgen noch Klopapier im Supermarkt? Warum sind die Ampeln unten auf der Straße eigentlich noch angeschaltet, wo doch kaum mehr Autos unterwegs sind? Sollte ich die rot leuchtenden Ampeln vielleicht symbolisch für die Gesamtsituation und vor allem für mich ganz persönlich interpretieren? Wird mich meine demenzkranke Mutter noch erkennen, wenn ich sie endlich wieder besuchen darf?  Bin ich eine Systemirrelevante oder eine Systemirre? Meine Gedanken fuhren Achterbahn und morgens wachte ich schweißüberströmt auf.

Mitspielen wollen

Ich bin mit dem Ideal aufgewachsen, dass es ein zentrales Ziel im Leben sein soll, einen Job zu finden, der es ermöglicht, sich selbst zu verwirklichen. Dieses Versprechen geht mit der perversen Konsequenz einher, dass Krisen im Job automatisch zu Lebenskrisen werden. Der Job verschmilzt mit dem Leben. Wenn es nicht gut läuft – Pech gehabt. Arbeit wird zum Fetisch von Workaholics. Berufliche Bestätigung füttert das eigene Ego. Ich habe das selbst viele Jahre so gelebt.

Je länger die Pandemie dauerte, desto mehr wurde mir die perverse Logik dieser Einstellung bewusst: Wenn man keine Zeit hat, sehnt man sich danach, raus aus dem Hamsterrad zu kommen, um Zeit für die schönen Dinge des Lebens zu haben. Und wenn man zu viel Zeit hat, ist genau das auf einmal Gift fürs Wohlbefinden. Existenzpanik macht sich breit und lähmt alles. Starr und unkreativ sitzt man da und wartet auf einen erlösenden Anruf, einen Auftrag, ein Wunder.

Das Wunder kam nicht und ich begann ernsthaft, mich auf Stellen zu bewerben. Es war tatsächlich das erste Mal in meinem Berufsleben, dass ich mich offiziell bewarb (mit 56!). Ich wollte um jeden Preis wieder „mitspielen“, wahrgenommen werden, Resonanz erzeugen. Ich dachte mir Initiativbewerbungen und Projekte aus und sendete meine Daten in den Cloud-Himmel. Der Himmel war bewölkt und das Echo war bescheiden. Die Jobs waren entweder nichts für mich oder ich nichts für die Jobs. Auch sonst war nicht viel los in der Kommunikationszentrale meines home office. Alle meine Freunde schienen super busy zu sein. Ich stellte mir vor, wie sie an ihren Computern saßen, an Webinaren teilnahmen und sich die neuen Online-Tools draufpackten, um in der neuen Corona-Arbeitswelt wettbewerbsfähig zu bleiben. Während ich in meiner Wohnung saß, den Tomaten beim Wachsen zuschaute und regelmäßig laufen ging, um die Gummibärchen wieder abzutrainieren, die ich zuvor tütenweise vertilgt hatte. Von wegen Home-Office, der blanke Euphemismus!

Wertvoll leben?

Das Härteste in diesen ersten Wochen war, dass ich mir eingestehen musste, wie sehr meine Identität an die Arbeit getackert war. Viel Arbeit = viel Wert, wichtige Aufträge = wichtiges Leben. Der Umkehrschluss schmerzte mein Ego. Und ich lief und lief. Der Gleisdreieckpark wurde mein Verbündeter, um die schlaflosen Nächte voll irrlichternder Gedanken zu verjagen. Irgendwann braute sich aus Selbstmitleid und Angst ein Cocktail zusammen, der einen energetischen Schub auslöste. Ich holte meine Stehlampe aus der Ecke, die ich auf dem Sperrmüll gefunden hatte und begann, den zwei Meter hohen Schirm mit Wolle zu bespannen. Ich zog feine Mohairfäden durch das Metallgeflecht, einen nach dem anderen, von oben nach unten und wieder nach oben. Stundenlang. Irgendwann wurden die ersten Fortschritte sichtbar; ein drei fingerbreiter Streifen aus flauschigem Türkis spannte sich über die Verstrebungen,. Bei schönem Wetter verlegte ich die Arbeit auf den Balkon, bei schlechtem Wetter schleppte ich die Lampe ins Arbeitszimmer und machte dort weiter. Nach und nach füllte sich die Fläche mit bunten Wollstreifen und während ich in meine meditative Webarbeit vertieft war, kamen mir neue Ideen. Ich begann eine Kurzgeschichte zu schreiben, ich dachte mir ein Filmprojekt aus und ich begann, gemeinsam mit meinem Liebsten, mein Landhaus zu renovieren. 

Wochenlang pendelte ich zwischen der stillgelegten Stadt und dem Leben auf dem Land, wo der Frühling die Natur zum Explodieren brachte und alles in Bewegung war.

Mit diesem Schwung nahm ich dann auch die Arbeit an einem Regionalprojekt wieder auf, das Corona in die Knie gezwungen hatte. Die halbfertige Lampe verschwand derweil in der Ecke. Das Projekt war gut und ich musste einfach weitermachen. Bezahlung? Sichere Perspektiven? Anerkennung durch andere? Spielten immer weniger eine Rolle. Ich war überzeugt von dem, was ich tat und schuf mir in den nächsten Monaten eine Umgebung, in der Leben und Arbeiten sich auf wunderbare Weise verbanden.

Natürlich gab es immer wieder herbe Rückschläge und die Förderung, die ich für mein Projekt beantragt habe, ist immer noch ungewiss. Trotzdem bin ich wild entschlossen, genau so weiterzumachen in den Post-Corona Zeiten, die hoffentlich bald anbrechen.

Das große Ganze

Während ich in den letzten Tagen über diese Veränderungen meines persönlichen (Arbeits-)Alltags nachdachte, fiel mir ein Buch von James Suzman in die Hände: Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit. James Suzman ist Anthropologe und als solcher betrachtet er das, was wir „Arbeit“ nennen aus einem sehr weiten Blickwinkel. Sein Ausgangspunkt ist die Zeit vor ca. 11.500 Jahren, als unsere Urahnen noch Jäger und Sammler waren. Um von dem zu leben, was die Natur hergab, brauchten die Menschen damals ungefähr 15 Stunden in der Woche. Der Rest war Freizeit.  Dann kam die Landwirtschaft und damit die Sesshaftigkeit. Seitdem herrscht der Mensch über die Natur – auch über seine eigene. Damit begann für den Menschen nicht unbedingt ein besseres Leben, sondern ein Prozess der Anpassung an Marktbedürfnisse und Wettbewerbsbedingungen. Suzman stellt die These auf, dass ab dem Moment, in dem Menschen damit anfingen, ihre Energie auf den Anbau bestimmter Ackerprodukte zu konzentrieren, das Konzept der Arbeit eine Eigendynamik entwickelte. Klima-Schwankungen und Missernten sowie die wachsende Bevölkerung in den Agrargesellschaften sorgten für eine Verknappung der Ressourcen, was in der modernen Ökonomie als der wesentliche Grundantrieb menschlichen Wirtschaftens gilt.

Ihr ahnt, wo diese Geschichte hinführt und es geht mir hier nicht darum, das Prinzip des Höher, Weiter, Schneller, nachzuzeichnen, das im kapitalistischen Zeitalter mit der Industrialisierung in den Turbogang schaltete und mit der Globalisierung der Märkte durch die Digitalisierung in den letzten Jahrzehnten eine Dynamik entwickelte, die schwindelerregend ist und jeden und alles vereinnahmt. 

Worauf es mir ankommt: Arbeit, wie wir sie kennen – als Selbstverwirklichung, als Wettstreit und als wesentliche Komponente der persönlichen Identität – ist kein Naturgesetz, sondern eine Logik des Marktes, der die Natur – die äußere Natur und unsere eigene – auffrisst.

In den Worten von Suzman:

„Es ist an der Zeit, eine Welt zu schaffen, in der Wachstumsideologie und Konsum nicht mehr unser Leben und unseren Planeten aussaugen. Dafür aber müssten die Menschen ihr Verhältnis zur Arbeit überdenken.“

Und:

„In allererster Linie geht es mir darum, den krakenhaften Klammer-Griff, mit dem die Knappheits-Ökonomie unser Arbeitsleben im Schwitzkasten hält, zu lockern und unsere damit verbundene, nicht durchhaltbare Fixierung auf wirtschaftliches Wachstum aufzubrechen.“

Man muss die Welt nicht als einen Ort sehen, an dem Wettbewerb ein Naturgesetz ist. Vielleicht lässt sich Suzmans Blick auf eine verlorene Vergangenheit ja für eine Zukunft der Arbeit mobilisieren? Weniger ist mehr.

Ich jedenfalls habe den „krakenhaften Klammergriff“ in der Pandemie und durch die Pandemie lockern können. Ich schlafe auch wieder besser.

Übrigens: Die Lampe ist am Ende doch noch fertiggeworden. Ich habe sie „Corona-Lampe“ genannt, ein Designobjekt, das zwar nicht ganz mit dem Barcelona Chair mithalten kann, aber für all das steht, was mich die Corona Zeit in puncto Freiheit und selbstbestimmtem Leben gelehrt hat. 

Was bleibt von 2020?

Was bleibt von 2020?

Vergangenes Jahr habe ich hier über eine Liste der meiner Meinung nach besten Musiken des Jahres geschrieben, und ich dachte, genau so mache ich es auch in diesem Jahr. Aber leider ist es nicht wie letztes Jahr. Es ist komplizierter. Die Musik fehlte.

Alle scheinen sich darüber einig zu sein, dass 2020 ein Scheißjahr war. Ja stimmt, aber ich möchte das relativieren: wie viele andere Jahre sind auch Scheißjahre gewesen? Erinnert ihr euch noch an 2016? Das war übrigens genau wie 2020 ein Schaltjahr und am Ende hieß es auch übereinstimmend: “Endlich ist dieses Scheißjahr vorbei!”. Was war passiert? In dem Jahr starben (neben 100000000 anderen) Prince, David Bowie, Leonard Cohen und George Michael. Außerdem wurde auch noch Trump gewählt, die Briten haben sich in den Brexit herauskatapultiert und Bayern wurde wieder Meister. Wir Ü-50-jährigen lagen uns-selbst-bestätigend weinend in den Armen, wie schlimm das Schicksal es mit uns gerade meint. Schlimm, schlimm. Im Rückblick ist klar: 2016 war kein Scheißjahr, es hat sich nur so angefühlt. Vier Jahre später sehen wir: Die Erde dreht sich weiter, und wir sind immer noch privilegiert, gesund und kämpfen weiter mit den großen und kleinen Unbillen des Alltags.

2020 war kein Scheißjahr, es fühlt sich nur so an.

2020 war bestimmt kein tolles Jahr. Ich bin der letzte, der jetzt versucht, die Vorteile der Pandemie wie Rosinen aus dem Kuchen des Jahres 2020 herauszupulen. Es war ein sehr merkwürdiges Jahr. Vieles ist im Orkus verschwunden, musste neu justiert werden oder ist neu entstanden. In der Musik – und darum sollte es ja in diesem Beitrag gehen – ist leider nur ein Hohlraum geblieben. Musik lebt vom Austausch, der Kollaboration, der gegenseitigen Befruchtung. Aber wenn es kein Publikum gibt, fehlen die Konzerte, die neuen Aufnahmen, die neuen Ideen.

So habe ich diesmal nur eine kleine Liste der neuen Alben des Jahres. Dafür aber eine neue Liste der tollsten neuen Serien. Der Streaming Markt für Filme und Serien ist nämlich in diesem Jahr tatsächlich explodiert und es gab unzählige neue Angebote, mit denen wir unsere langen Corona-Abende zuhause verbracht haben.

Hier kommt erst die Musik, danach die Serien.

Musik 2020

Auffällig ist, dass (bis auf Nr. 6) alle Aufnahmen von der Vor-Corona-Zeit stammen.

Platz 9: Bill Callahan – Gold Record
Bill Callahan zu zuhören ist wie einem Großvater zuzuhören, der einem über den Kopf streichelt. Sorge dich nicht, alles wird gut!

Platz 8: Eels – Earth to Dora
Das Album passt wunderbar zur Zeit: Neue Lieder, aber wohlige Bestätigung des Bekannten.

Platz 7: Mighty Oaks – All Things Go
Wunderbarer Folk-Pop: eingängige Melodien. Was will man mehr, wenn man auf der Autobahn Coronasicher Musik hören will?

Platz 6: Nick Cave – Idiot Prayer
Nick Cave hat diesen Sommer als erster ein reines Online-Konzert gehalten. Man musste vorher Tickets kaufen, musste pünktlich eingeloggt sein, um es zu hören/sehen. Man konnte nicht vor- oder zurückspulen, halt so wie im echten Leben. Im riesigen, leeren Alexandra Palace in London stellt er in der Mitte seinen Flügel auf, ohne Publikum, und spielt knapp 2h sein Solo-Konzert. Er spricht nicht, er spielt nur. Dies wird der Maßstab für künftige Pandemiekonzerte sein.

Platz 5: Jason Mraz – Look For The Good
Eine Pause ist immer wieder wichtig, Jason Mraz schafft das mit Leichtigkeit. Gerade wenn man denkt, jetzt wird’s kompliziert: Dieses Album holt einen wieder runter: Look for the good!

Platz 4: Haim – Women In Music Pt. III
Ich war zunächst nicht wirklich überzeugt von diesem Album, aber nach längerem Hören klappt es. Die drei Schwestern machen eine leichte dennoch anspruchsvolle Musik.

Platz 3: Bruce Springsteen – Letter To You
Auch dieses Album wurde letztes Jahr aufgenommen. Lieder von Bruce Springsteen sind immer wieder eine Offenbarung: Es scheint so leicht, dennoch ist es immer wieder neu. (Note to myself: dieses Motto merken!)

Platz 2 Phoebe Bridgers – Punisher
Es ist eine Mischung von Folk, ein bisschen Pop, und dazu eine glasklare Stimme – meine Neuentdeckung des Jahres. Sollte sie im nächsten oder übernächsten Jahr nach Berlin kommen: Unbedingt hingehen!

Platz 1: Fiona Apple – Fetch The Bolt Cutters
Lyrik, Gesang ohne Gleichen. Und dann auch noch völlig eigenwillige Songstrukturen. Warum Fiona Apple nicht längst einen Nobelpreis erhalten hat, versteht niemand.

Zugabe:
What’ve I done to help?” von Jason Isbell and the 400 Unit

Ein Ohrwurm, der mich das Jahr über begleitet hat.

Serien 2020

Diese drei Serien sind schlicht unverzichtbar in der Empfehlungsliste

Killing Eve
Ein Psychodrama wie es es noch nie gegeben hat. Eine Sonderermittlerin jagt eine Auftragskillerin, und beide begeben sich dadurch in Abhängigkeit voneinander. Klingt kompliziert? Du hast keine Ahnung! Es wird noch viel schlimmer!!

Little Fires Everywhere
Eine feine, kleine Miniserie mit allem was es braucht: Linksliberaler Mittelstand, subtiler Rassismus, und alle Abgründe, die sich darin auftun…

The Undoing
Wer “Big Little Lies” gesehen hat, wird es wiedererkennen: Superreiche, diesmal in Manhattan, versuchen ihr heiles Weltbild zu retten. Grandios u.a.: Nicole Kidman, Hugh Grant, Donald Sutherland.

Fröhliche Feiertage und für das neue Jahr die besten Wünsche für Liebe, Reichtum und Gesundheit!

Euer Frieder

P.S.: Gerne habe ich für jede/n von Euch einen Stick in der Hosentasche mit allen besprochenen Musiken und Serien wenn wir uns sehen!

P.P.S.:
Zufall: Die Serien sind ausschließlich von Frauen und nur mit Frauen in der Hauptrolle.
Zufall: Von den ersten vier Alben sind drei von Frauen.
Zufall: In der Pandemie stehen die Länder am Besten da, die durch Frauen regiert werden.

„Aufprall“ – ein Buch, das man unbedingt lesen muss!

Generationenromane sind mir suspekt. Besonders solche, die vorgeben, mit der Stimme meiner Generation zu erzählen. Denn bei der Lektüre schleppt man unweigerlich den gesamten eigenen Vorrat an Erinnerungen, Erwartungen, (zerplatzten) Hoffnungen und Träumen mit. Kaum möglich, dass ein Buch all diese verknoteten und teils widersprüchlichen Fäden aufnehmen kann.

Oder doch?

„Aufprall“ macht jedenfalls genau das. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von „Jungmenschen in Westberlin“ – wie es im Vorwort heißt – die Anfang der 1980er Jahre in der geteilten Stadt Häuser besetzen. Luise, Thomas, Elena, Vroni, Soraya, Robert, Wolle, Irene, Lars und all die anderen sind ein zufällig zusammengewürfelter Haufen aus Studenten, Glückssuchern, Wehrdienstverweigerern und Lebenskünstlern. Zwischen bröckelnden Fassaden, maroden Hauseingängen, Zimmern, die mit Taubenkacke gepflastert sind, und herausgeschlagenen, zu Brennmaterial umfunktionierten Dielen erproben sie ein Leben, das genauso porös und durchlässig ist wie die Räume, in denen sie sich improvisiert, vorläufig, immer auf Anfang, einrichten.

Hausbesetzer-Roman „Aufprall“ : „Berlin ist eine Stadt, um zu scheitern“
Katrin Wieland, Heinz Bude, Bettina Munk @Foto: Carsten Koall, Berliner Zeitung

Wohnen wird zum künstlerischen und politischen Experiment für ein anderes Leben, von dem keiner der Akteure genau weiß, wie es aussehen soll.

Auf jeden Fall anders als das der in Westdeutschland zurückgelassenen Eltern mit ihren bürgerlichen Existenzen, anders als die Besserwisserei der „entsetzlichen Achtundsechziger“, aber auch anders als das von militanten Kampfparolen geschwängerte Pathos, das von den Terroraktionen der RAF aus den 70er Jahren in die Hausbesetzerszene der frühen 80er Jahre herüberweht und immer wieder als Referenzrahmen aufscheint.

Aus dieser Spannung zwischen dem, was man ablehnt und auf gar keinen Fall mehr will und dem, was man als sehnsüchtige Ahnung in sich trägt, aber (noch) nicht benennen kann, bezieht die Geschichte ihre Kraft und ihre Glaubwürdigkeit.

Ein Zustand zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht, in dem Hoffnung und Scheitern, die Euphorie eines Neubeginns und Verzweiflung über das unmöglich Mögliche ganz eng beieinanderliegen.

„Aufprall“ ist das Produkt eines Autoren-Kollektivs. Der Soziologe Heinz Bude, die Künstlerin Bettina Munk und die Schriftstellerin Karin Wieland waren damals, Anfang der 80er Jahre, selbst Teil der Hausbesetzerszene und sie haben den Roman zu dritt geschrieben. Erlebte Fakten werden in Fiktion verwandelt, wenn Heinz Bude, pop-intellektueller Meister makrosoziologischer Beschreibungen, in der Figur des Thomas die zeitgenössischen intellektuellen Debatten rund um Post-Marxismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktion zum Oszillieren bringt und im Merve-Verlag ihr berlinspezifisches Epizentrum ausmacht.  Das Buch sei ein „Lebensmittel, um einer Spur zu folgen, um eine Spur zu hinterlassen“, lässt Thomas den Merve-Verleger Thomas Gente orakeln.

Oder die Künstlerin Bettina Munk, die aus der Innensicht von Luise die erlebte Wirklichkeit unter den Bedingungen des Ästhetischen nachzeichnet und ein ebenso sensibles wie gnadenloses Bild der Macho-Kunstszene rund um die Oranienstraße entwirft. „Es galt die Malerfaust, die exzessive, existenzielle Haltung“, schreibt Luise. Mit der Galerie am Moritzplatz, Nachfolger der legendären Galerie „Großgörschen 35“ wird die Genealogie eines männerdominierten Kunstbetriebs nachgezeichnet, zu dem die Malerfürsten Hödicke und Lüpertz sowie deren Schüler Fetting, Salomé und Middendorf gehörten. Für Künstlerinnen war da kein Platz.

Und dann gibt es noch die Kapitel in der Wir-Form als weiblicher Chor, der den kollektiven und notwendigerweise disparaten Erlebniswirklichkeiten der Haupt- und Nebenrollen eine vielstimmige Stimme verleiht. Man ist versucht, diese Rolle Katrin Wieland, der dritten im Bunde des Autorenkollektivs, zuzuweisen. Zumal Wieland eine Schriftstellerin ist, die sich in ihren Büchern mit historischen Geschlechterbildern in Kunst und Literatur auseinandersetzt. 

Doch das wäre zu einfach. Die Figuren in „Aufprall“ sind „Mischfiguren“ in denen wie im Traum die Züge verschiedener Gefährtinnen und Gefährten zusammengezogen sind.Die biografischen Verweislinien verweben sich zu einem großen Panorama, das zwischen Kulturtheorie, Politik, Kunst und Feminismus aufgespannt wird und innerhalb dessen das wilde und widersprüchliche Leben zwischen Sitzungen im Besetzerrat, Protestdemos, Liebesdramen, Senatsverhandlungen, Nazi-Überfällen und nächtlichen Gelagen in der selbstgezimmerten „home bar“ Kontur gewinnt.

Den Soundtrack liefert der Punk. „Geschichte wird gemacht“, der berühmte Song von Fehlfarben, und die „Kebab Träume“ der Deutsch Amerikanischen Freundschaft tauchen als Kapitelüberschriften auf und transportieren den Rhythmus aus Rotzigkeit und Rebellion, Rastlosigkeit und Ratlosigkeit, mit dem das SO36 damals die Erde erbeben ließ.

Und dann bricht plötzlich der Tod herein. Ganz archaisch und ganz real.

Der titelgebende „Aufprall“ findet statt als ein Autounfall während einer Reise nach Prag, die Soraya, Thomas, Luise und Elena im Winter 1982 in einem alten Mercedes unternehmen. Auf einer Kreuzung werden sie von einem sowjetischen Militärtransporter gerammt. Soraya ist sofort tot, Thomas und Elena kommen mit einem Schrecken davon. Luise wird lebensgefährlich verletzt und muss wochenlang im Krankenhaus verbringen. Die Verletzungen hinterlassen nicht nur körperliche Spuren, sondern graben sich als existenzielle Erfahrung tief in die Geschichte ein.

Der Tod ist der einzige Fehler im System, gegen den man nicht ankommt.

„Der Schock von Sorayas Tod war wie ein Loch im Sein“, beschreibt Luise den Verlust der Freundin.  Dieses Loch im Sein bildet das Kraftfeld, von dem aus die individuellen Erinnerungsfragmente sich entfalten, Kreise bilden, sich vermischen und überlagern. Ich habe mich beim Lesen die ganze Zeit gefragt, wie die Autorinnen das eigentlich hinbekommen haben, ihre Erfahrungen und unterschiedlichen Erzählperspektiven so miteinander zu verweben, dass dabei etwas Ganzes entsteht – ein Roman – und trotzdem jede aus dem Trio ihre eigenen Spielräume behält.

Es ist genau diese Vielstimmigkeit, in der sich das Lebensgefühl der Generation der sogenannten Babyboomer entfaltet. Vor allem (aber nicht nur), wenn sie ihre 20er in Westberlin verbrachten. So wie ich, die erst ein paar Jahre später, kurz vor dem Mauerfall, in die Stadt kam. Die Situation hatte sich inzwischen verändert. Aus Hausbesetzern waren Loftbesitzer geworden und Freiheit schmeckte schon ein bisschen neoliberal und suchte sich mit dem Beginn der Billigfliegerei globale Ziele. Trotzdem erschienen all die Leerstellen in der Stadt (gemeint sie die Baulücken ebenso wie die noch nicht „dingfest“ gemachten Phantasien) für uns nach wie vor als ein permanentes Versprechen.

Nichts war entschieden, alles schien machbar.

„Ich könnte eigentlich alles, aber letztendlich kann ich nichts. Ich habe nur das Gefühl, ich könnte alles. Wir waren schließlich die erste Generation, die durch den Fernseher die große weite Welt gesehen hat“, sagt Robert an einer Stelle und trifft damit ein typisches Gefühl meiner Generation ziemlich genau. Auf der einen Seite der wahnwitzige Anspruch, aus der Fülle an Optionen eine neue Welt zu zimmern, auf der anderen Seite das Gefühl, von den Möglichkeiten erschlagen zu werden. Großartig in seiner Großspurigkeit mit einem Hauch Selbstironie ist in diesem Zusammenhang auch die Charakterisierung von Thomas:

„Jeder von uns wollte ein Buch schreiben, einen Film drehen, ein Theaterstück inszenieren, ein Bild malen, einen Leitartikel hinhauen, eine Band gründen, eine Galerie betreiben, eine Bar aufmachen, ein Designstudio eröffnen, eine Performance aufführen, einen Bau entwerfen oder eine Bewegung in Gang setzen.“

So, here we are. Wo auch immer das ist. Mit oder ohne Bar, Bild oder Band – eins ist auf jeden Fall klar, liebe Berlinerinnen, liebe Babyboomer: das ist euer Buch!

Und allen weiteren X,Y und Z-Generationen sei „Aufprall“ ebenfalls wärmstens empfohlen – schon allein wegen der ganz analogen Wucht der Geschichte.

Heinz Bude/Bettina Munk/Karin Wieland: Aufprall. Roman; Hanser Verlag, München 2020

„Führen ist einfacher als folgen“

Ein Interview mit Daniela Feilcke-Wolff

Sie ist Tangotänzerin, Tangolehrerin, TangoDJane und Spezialistin für Alexandertechnik. Während ihrer Ausbildung verzichtet sie auf die klassische weibliche Rolle und tanzt zunächst ausschließlich in der Rolle der Führenden – was gerade im Tango bis heute eher ungewöhnlich ist. Bei diversen Studienaufenthalten in Buenos Aires spürt sie den kulturellen Wurzeln des Tangos nach und widmet sich dem Tanz als Medium der Körper-Kommunikation. Heute betreibt sie zusammen mit ihrem Partner von Berlin aus eine „Flying Tango School“ an verschiedenen Orten von Island bis Stromboli.

Ich habe Daniela Feilcke-Wolff bei einem Tango-Workshop kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie kennengelernt. Mich faszinierten die Parallelen zwischen ihrer Arbeit als Tanzlehrerin und meiner als systemische Beraterin für Organisationsentwicklung. Als dann der Lockdown kam, beschlossen wir, die Zwangspause für einen intensiveren Gesprächsaustausch zu nutzen.

Daraus entstand das folgende Interview über Führung, antrainierte Rollenbilder und die Frage, warum Tanzen ein wunderbares Agilitätstraining sein kann.

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Du bist Vollblut-Tänzerin und Lehrerin seit mehr als 20 Jahren. Warum gerade Tango?

Ich habe mit Latino-Tänzen angefangen und in diesem Kurs machte unser Tanzlehrer dann irgendwann einen Abend Tango Argentino mit uns. Das war ein Aha-Erlebnis für mich. Alles fühlte sich viel freier an, weniger festgelegt als ich das von anderen Tanzstilen gewohnt war. Normalerweise ist Führung im Tanz gekoppelt an bestimmte Schritte oder Figuren. Im Tango kommt zuallererst der Kontakt, oder besser gesagt: das Aufbauen eines Kontaktes zwischen Führendem und Geführtem. Führung im Tango bedeutet, in jedem Moment klare Entscheidungen treffen zu müssen. Diese Form der Klarheit mit sich und dem Tanzpartner ist für mich das eigentlich Besondere am Tango. 

Und wie ging es dann nach diesem Aha-Erlebnis für dich weiter?

Mein damaliger Mann hatte keine Lust auf Tango. Aber es gab ein schwules Pärchen in unserem Kurs, bei dem auch einer zum Tango wechseln wollte. Und so haben wir uns zusammengetan. Mein Tanzpartner hatte nur eine Bedingung: er wollte auf keinen Fall führen. Mir war es damals völlig egal, ob ich die Rolle der Führenden oder der Geführten übernahm. Ich hätte auch zu dritt getanzt, oder alleine. Hauptsache es ging los!

Das heißt, du hast Tango in der klassischen Männerrolle gelernt?

Ja, so sind wir gestartet: Ich als Führende, er als Folgender. Für mich tat sich ein Universum auf. Ein Universum der zwischenmenschlichen Interaktion. Führen und Geführtwerden, Männer und Frauen. Ich rede jetzt nicht unbedingt von biologischen Männern oder Frauen sondern viel eher von antrainierten Rollen und Verhaltensmustern. Männer verhalten sich im Folgen anders als Frauen. Jedes Geschlecht bringt das Eigene mit. Frauen sind eher defensiv, sie entschuldigen sich dauernd, haben sofort das Gefühl etwas falsch zu machen. Männer treten ganz anders auf: Fehler? Ach was, ich doch nicht. Fehler machen immer die Anderen.

Und wie ging es dann nach diesem Aha-Erlebnis für dich weiter?

Mein damaliger Mann hatte keine Lust auf Tango. Aber es gab ein schwules Pärchen in unserem Kurs, bei dem auch einer zum Tango wechseln wollte. Und so haben wir uns zusammengetan. Mein Tanzpartner hatte nur eine Bedingung: er wollte auf keinen Fall führen. Mir war es damals völlig egal, ob ich die Rolle der Führenden oder der Geführten übernahm. Ich hätte auch zu dritt getanzt, oder alleine. Hauptsache es ging los!

Das heißt, du hast Tango in der klassischen Männerrolle gelernt?

Ja, so sind wir gestartet: Ich als Führende, er als Folgender. Für mich tat sich ein Universum auf. Ein Universum der zwischenmenschlichen Interaktion. Führen und Geführtwerden, Männer und Frauen. Ich rede jetzt nicht unbedingt von biologischen Männern oder Frauen sondern viel eher von antrainierten Rollen und Verhaltensmustern. Männer verhalten sich im Folgen anders als Frauen. Jedes Geschlecht bringt das Eigene mit. Frauen sind eher defensiv, sie entschuldigen sich dauernd, haben sofort das Gefühl etwas falsch zu machen. Männer treten ganz anders auf: Fehler? Ach was, ich doch nicht. Fehler machen immer die Anderen.

Das war vor mehr als 20 Jahren. Wie kam deine „Männerrolle“ im Tango denn damals an?

Das war damals tatsächlich noch sehr ungewöhnlich. In den ersten Jahren meiner Ausbildung in der Rolle der Führenden war ich die einzige in der Berliner Tango-Szene. Natürlich gab es auch andere Frauen, die geführt haben, aber es gab eben keine, die ausschließlich geführt hat, so wie ich. Irgendwann wollte ich dann allerdings auch die andere Seite kennenzulernen. Das bisschen Geführt-Werden kann ja wohl nicht so schwer sein, dachte ich damals etwas überheblich. Doch ich täuschte mich gewaltig, Folgen war komplett anders! Es war zwar derselbe Tanz und dieselbe Musik und es waren irgendwie auch ähnliche Bewegungen, aber trotzdem eine ganz neue Welt. 

Inwiefern unterscheiden sich beide Rollen und was charakterisiert ihre Beziehung?

Das hat sehr viel mit nonverbaler Kommunikation zu tun, also einer Kommunikation die direkt mit und zwischen den Körpern passiert. In dem Moment, in dem ich als Führende in eine Richtung denke, sendet mein Körper entsprechende Signale aus. Das geschieht ohne den Kopf, die Muskeln unterhalten sich miteinander. Das heißt, wenn ich einen Schritt nach vorne machen will, dann sendet mein Gehirn ein Signal an die Muskulatur. Und genau in diesem Moment findet die Übertragung auf den anderen Körper statt. Das funktioniert ganz unmittelbar.

Könnte man das Energieübertragung nennen?

„Energie“ ist immer so ein besetzter Begriff – gerade in unserem Metier. Ich würde es ganz konkret als Muskel-Übertragung bezeichnen. Die eine Muskulatur signalisiert „nach vorne“ und die andere sendet zurück „ok, ich gehe nach hinten“. Das Verrückte ist, dass das eigentlich ganz einfach ist: Körper kommunizieren, man muss sie nur lassen. Das fällt den meisten Menschen wahnsinnig schwer.

Das heißt, es geht auch auf der körperlichen Ebene darum, zuhören zu können?

Ja, das Hirn so weit abstellen, dass nur der Körper spricht und zuhört. Es geht um Körper-Kommunikation. Das ist die Kunst beim Tanzen.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit Anselm Grün gelesen, dem Benediktinerpater und Managerberater, der sich aus spiritueller Sicht seit Jahrzehnten intensiv mit Fragen von Führung beschäftigt. Dort habe ich den schönen Satz gefunden „Führen heißt, dienen können“.

Genauso ist es auch im Tanz. Führen und Folgen sind wechselseitig aufeinander bezogen. Am Ende entscheidet der Folgende mit, wo es hingeht und der Führende wird getragen von der Qualität, die der Folgende in den Tanz einbringt.

Gibt es denn ganz klassische Merkmale für Führung im Tango? 

Der Führende gibt immer die Richtung vor, entweder vorwärts oder rückwärts, seitwärts nach rechts oder seitwärts nach links und dann noch zirkulär in die eine oder die andere Richtung gedreht. Insgesamt sind es sechs Richtungen, in denen sich die Tänzer gemeinsam bewegen.

Der Führende entscheidet wohin: welche Richtung wollen wir einschlagen?

Das Wann entscheidet die Musik, je nachdem was sie dir anbietet. Die Musik ist wie eine große Obstwiese, da gibt es Kirschen und Äpfel und Birnen und man geht da so durch und nimmt sich etwas aus dem Angebot. Wenn es optimal läuft, empfinden die beiden Tänzer die Musik und den Rhythmus gleich und dann spüren beide den Moment und setzen den nächsten Schritt zusammen. 

Das Wie entscheiden die Folgenden: in welcher Qualität tanze ich? Gehe ich legato oder staccato? Fange ich den Schritt schnell an und höre langsam auf oder umgekehrt? Das sind qualitative Aspekte und die Entscheidung darüber liegt mehr bei den Folgenden. 

Der Einfluss des Geführten auf die Qualität ist also größer als der des Führenden?

Ja definitiv, und das fasziniert mich immer wieder. Wenn beispielsweise eine führende Person versucht, Qualität in den Tanz zu bringen, weil vielleicht die folgende Person einfach nur mitschlurft und keine eigene Qualität einbringt, dann hat das kaum Einfluss auf die Folgende. Die Qualität überträgt sich nicht. Andersherum jedoch, wenn die führende Person eher gleichförmig und uninspiriert übers Parkett schiebt, der Tanzpartner jedoch Qualität hineinbringt, dann kann der führende Körper nicht anders, als mit dieser Qualität mitzugehen. Diese Übertragung geschieht teilweise ohne dass die beiden Tänzer das merken. Aber sie funktioniert eben nur in eine Richtung.

Interessant, woran liegt das?  Fehlen dem Führenden dafür die Werkzeuge?

Keine Ahnung. Eigentlich dürfte es nicht so sein. Für mich ist das ein Phänomen. Ich habe noch nicht herausgefunden, woran das liegt.

Im traditionellen Tango sind die Rollen ganz klassisch besetzt: Der Mann führt, die Frau folgt. Kann diese unterschiedliche „Übertragungsintensität“, von der du sprichst, vielleicht auch mit diesen Rollenklischees zusammenhängen?  

Nein. Für meine Statistik mache ich diesen Versuch oft ausschließlich mit Frauen. Das Ergebnis bleibt das gleiche: In der Rolle der Folgenden bekomme ich auch noch den lahmsten Führenden dazu, mit mir Staccato zu laufen. Aber wenn ich das als Führende mit einem etwas uninspirierten Tanzpartner versuche, überträgt sich diese Qualität nicht auf unseren gemeinsamen Tanz.

Möglicherweise hat es etwas mit Vertrauen zu tun, beziehungsweise mit der Angst, etwas falsch zu machen oder die Kontrolle zu verlieren? 

Ich versuche in meinem Unterricht von Anfang an eine angstfreie Atmosphäre zu erzeugen. Die Menschen, die zu mir kommen, um Tango zu lernen, sollen vom ersten Tag an erleben, dass es hier nicht um richtig oder falsch geht oder darum, wer am schnellsten am besten Tangotanzen lernt, sondern viel eher darum, das Hören und Zuhören mit und zwischen Körpern zu üben. 

Die ersten Unterrichtsstunden sind dafür sehr wichtig. Einer meiner frühen Lehrer hat das mal den „Blueprint“ für das weitere Vorankommen genannt. Und dementsprechend versuche ich, zunächst einmal einfach den Spaß und die Freude an der gemeinsamen Bewegung und an der Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Denn die Menschen kommen ja zu mir, weil sie Lust auf Bewegung haben, weil sie mehr Zeit mit ihrem Partner verbringen wollen und nicht, weil sie Angst davor haben, irgendetwas falsch zu machen. Ich versuche deshalb, in meinen Kursen genau diese Lust und Freude aufzunehmen und zu erhalten.

Und funktioniert das?

Interessanterweise kommen fast all meine Gruppen irgendwann nach den ersten 3-4 Stunden dann doch an den Punkt, wo sie Angst bekommen. Die Männer, weil sie denken, nun langsam etwas bieten zu müssen, oder weil sie die Figur von der letzten Woche schon wieder vergessen haben. Und die Frauen, weil sie Angst haben, dass sie die Signale nicht verstehen.

Mein Ziel ist es, diese Ängste aus meinen Kursen rauszuhalten. Ich möchte, den Menschen die zu mir kommen, um Tango zu tanzen, ein Urvertrauen vermitteln in ihre Körper, in ihre Bewegungen, in das Miteinander im Tanz und die Schönheit, die dabei entsteht. Darum geht es doch. 

Viele der von dir angesprochenen Aspekte beim Tango erinnern an die aktuellen Debatten um Führung und Agilität in Organisationen, wo es um die Auflösung von hierarchischen Führungsrollen und die Fähigkeit zur Selbstorganisation geht. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang deine Beschreibung der fluiden Rollen im Tango: Führender und Geführter sind keine Gegensätze, sondern miteinander verwoben. Das heißt, der Führende hat immer auch eine folgende Komponente und der Folgende setzt durchaus Impulse, die vom Führenden übernommen werden. Das ist ein Modell, das mir für nicht-hierarchische Führungsansätze wie auch als Bild für Selbstorganisation sehr brauchbar erscheint.

Ich kenne mich nicht aus mit New Work. Und Agilität ist für mich alles, was in Bewegung ist. Für mich jedenfalls ist der perfekte Tango, wenn die Rollen komplett aufgelöst sind. Wenn es keine Führende und keine Folgende mehr gibt, sondern wenn „es“ tanzt. Ich weiß, das klingt jetzt ziemlich esoterisch, aber ich habe noch keine passendere Formulierung gefunden. ICH FÜHRE NICHT – diese Idee möchte ich immer mehr in meinen Unterricht einbringen. Ich möchte vermitteln, dass es weder Führende noch Folgende gibt, sondern nur zwei, die tanzen. Und die Entscheidung wohin und wie wir tanzen, treffen wir beide. 

Corona-App: Das Große Deutsche Defizit (GDD)

Wenn ich mittags essen gehe, muss ich neuerdings immer einen Anmeldezettel ausfüllen. Der sieht z.B. so aus:

Darin muss ich meinen Namen, meine Anschrift und meine Telefonnummer eintragen. Also so ziemlich alles, was man so als “privat” bezeichnen würde. Wenn noch nach politischer Gesinnung oder sexueller Orientierung gefragt würde, wäre das durchleuchtete Profil komplett. Dieses Formular muss ich jedesmal ausfüllen. Selbst wenn ich gestern und vorgestern und seit Jahren nahezu täglich dort zur Pause gehe. Erforderlich ist dies, weil Restaurants verpflichtet sind, Gästedaten zu sammeln, damit im Infektionsfall das Gesundheitsamt Kontakte nachverfolgen kann. Klingt umständlich, ist es auch.

Aber: Gibt es dafür nicht ‘ne app? Ja, klar! Enter: Corona-Warn-App.

Seit vergangener Woche ist sie in Deutschland verfügbar. Wie sie technisch funktioniert, ist ausführlich in allen Medien berichtet worden. Letztendlich macht sie nichts anderes als der Anmeldezettel im Restaurant: Sie soll die nachträgliche Kontaktverfolgung ermöglichen.

Erstaunlich ist zu beobachten wie alle Berichterstatter, Journalisten, Tech-Nerds, Politiker aller Parteien und politischen Richtungen dafür werben, diese App zu installieren. Ergibt bestimmt Sinn und es gibt sicher viele Gründe das zu tun. Mich interessiert allerdings etwas anderes: nämlich wie diese App überhaupt entstanden ist. Und das komplette Versagen der nationalen, demokratischen Institutionen, die eigentlich für unsere Gesundheit zuständig sind.

Was bisher geschah

Gehen wir zurück, Anfang März. In China und Süd-Ost-Asien grassierte Covid-19 und Europa wähnte sich noch als Zuschauer einer “asiatischen Grippe”. In China wurden Millionenstädte, Flughäfen und Bahnhöfe geschlossen, das gesamte soziale Leben unterbunden. Mit ungläubigen Augen nahmen wir die Bilder wahr: bei uns wäre so etwas nie möglich! Dann kamen die Bilder von Särgen aus Bergamo und plötzlich war die Pandemie vor der Haustür. Auf einmal gab es den Blick zurück nach Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong. Was die gemacht haben – wäre das vielleicht ein Lösungsweg? Wie sind diejenigen, die ja schon Erfahrung mit Sars hatten, mit der Seuche umgegangen? Wie haben sie es geschafft, die Epidemie einzuhegen?

Tolle Idee?

Es gab eine Komplettüberwachung der Infizierten: wer ein Problemfall war (und das waren z.B. auch alle Einreisenden), bekam zwangsweise eine App installiert und wurde für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. Jeglicher Kontakt nach außen war verboten. Die GPS-Funktion des Telefons musste Tag und Nacht eingeschaltet bleiben, damit der jeweilige persönliche Betreuer jederzeit wusste, wo man sich aufhielt (nämlich nur in den eigenen vier Wänden). Wenn der Akku aus Versehen leer war, klingelte es keine 10 Minuten später, da das GPS-Signal weg war. Alle Nutzer der App konnten in Echtzeit immer alle derzeitigen akuten Corona-Fälle auf einer Karten nachverfolgen, und damit diese Gebiete meiden.

Klingt gruselig? Für europäische Verhältnisse schon. Allerdings haben dadurch Hongkong, Singapore oder Taiwan so wenig Todesfälle wie kaum andere Länder, sie hatten keinen wirtschaftlichen Lockdown und sind in kürzester Zeit fast wieder auf demselben Stand wie vor der Pandemie.

Derweil hier bei uns

Deutschland (März 2020): Unser Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Idee, dass es auch in Deutschland eine solche App geben sollte. Allerdings die europäische Version, also mit viel Privatsphäre und Datenschutz und so. Das Robert-Koch-Institut (RKI), die nationale Gesundheitsbehörde zur Krankheitsüberwachung, beauftragte das Fraunhofer Institut HHI eine solche App zu erstellen. Nach wenigen Wochen, Mitte April, war die App in Rekordzeit fertig: Unter großem Einsatz haben sich alle europäischen Gesundheitsbehörden in einer bis dahin nicht vorstellbaren Einheit verständigt: Wir brauchen eine europäische Lösung! Unter der Mitarbeit von verschiedenen europäischen Gesundheitsbehörden und wissenschaftlichen Einrichtungen war innerhalb kürzester Zeit das Softwaregerüst PEPP-PT fertig gestellt. Es sollte ein Wettbewerb der individuellen noch zu entwickelnden Apps werden, denn die Daten wären immer nur an und über die jeweilige nationale Gesundheitsbehörde ausgetauscht worden. Klingt erst mal gut, allerdings kommt jetzt die Sache mit dem Teufel und dem Detail.

Der Teufel und das Detail

Bei diesem fertiggestellten (!) europaweiten Softwaregerüst konkurrierten zwei Lösungsansätze, die in der Folge erbitterte Diskussionen auslösten, die zum großen Teil vor allem ideologisch und ohne technisches Wissen geführt wurden. Die eine Lösung wurde bekannt und dem Namen “zentraler Server” und als Abgrenzung die zweite als “dezentraler Server”. (Übrigens bis heute hält sich diese falsche Bezeichnung!) Allein diese Unterscheidung offenbart schon das gefährliche Halbwissen, denn beide Lösungen funktionieren nur mit einem zentralen Server. (Deswegen stimmt die Bezeichnung “dezentrale Lösung” auch heute immer noch nicht.) Aber “dezentrale Speicherung” hört sich einfach viel vertrauensvoller an.

Beide Lösungen funktionieren technisch fast gleich. Bei der „zentralen“ Lösung werden alle Kontaktdaten anonymisiert hochgeladen, während bei der „dezentralen“ Lösung die Daten anonymisiert erst auf dem Telefon ausgewertet werden. Klingt kompliziert. Ist es aber nicht wirklich. Anonym sind beide Ansätze.

Das GDD

Noch während die Diskussion zwischen Datenschützern, Gesundheitsbehörden und Politik große und erbitterte Diskussionen veranlasste, schlug das “Große Deutsche Defizit” (GDD) zu. Sie hatten die Diskussion ohne jegliches digitales Verständnis geführt, mit einer Hybris aus Nichtwissen und (schlimmer noch!) Halbwissen. Denn um ein medizinisches Problem, und das ist Covid-19, mit einer technischen Lösung anzugehen, benötigt man das entsprechende digitale Know How. Und dieses Defizit wurde bei der Corona-Warn-App exemplarisch vorgeführt.

Mitten in die Diskussion, als alle europäischen Gesundheitsbehörden und universitären Einrichtungen sich einig waren, dass sie Privatsphäre und epidemiologische Anforderungen unter einen Hut gebracht haben, melden sich Mami und Papi: Apple und Google.

Mami und Papi kümmern sich schon

Sie verkündeten trocken, dass sie beschlossen haben, dass im Sinne der Datensicherheit sie nur für die 2. Lösung die Schnittstelle in ihrem Betriebssystem bereitstellen würden. Von einem Tag auf den anderen waren die Diskussionen beendet. Google (Android) und Apple (iPhone) haben gemeinsam beschlossen wie die Corona-App umgesetzt wird. Außerdem haben sie an der Stelle auch gleichzeitig verfügt, dass in jedem Land nur 1 App zugelassen würde, und zwar die von der nationalen Gesundheitsbehörde. Sollte es dabei Streitigkeiten geben, würden sie (Google und Apple) beschließen, wessen App zugelassen würde.

Nochmal: Google und Apple entscheiden nicht nur wie eine App funktionieren solll, sondern auch welche Institutionen berechtigt sind, eine App zu veröffentlichen!

Daraufhin verstummte die Diskussion und (fast) alle europäischen Gesundheitsbehörden haben dem zugestimmt. Die PEPP-PT wurde in die Tonne gekloppt, und zwei Monate später ist sie nun veröffentlicht worden: so wie Google und Apple das verfügt haben. Mittlerweile hat z.B. nach monatelangem Widerstand Großbritannien seine ursprünglich entworfene App an die Vorgaben von Google und Apple angepasst.

Unabhängig davon, wie sinnvoll oder zielführend diese App sein kann oder wird, es zeigt den wundesten Punkt unserer europäischen Hybris auf, der künftig eine noch eine viel größere Rolle spielen wird. Wenn wir künftige Alltags-Probleme lösen wollen sind wir auf entsprechende Technologien angewiesen. Diese sind derzeit – und auf absehbare Zeit – in der Hand von supranationalen Konzernen, die mittlerweile originär nationale Aufgaben übernehmen. Bei Apple und Google kann man an dieser Stelle ein gemeinsames, übergeordnetes Interesse unterstellen: Sie kümmern sich um Datensicherheit und damit einen Bereich, der bislang – zumindest in Europa – staatlichen Institutionen vorbehalten war. Vor allem in einem so sensiblen Thema wie der Gesundheitsversorgung. Natürlich kümmern sich Google und Apple damit einhergehend auch darum, dass für eine solche App weltweit Akzeptanz geschaffen wird.

Nur, was bedeutet das auf lange Sicht? Dass internationale digitale Großkonzerne politische Entscheidungen treffen?

Daran denke ich, wenn ich genervt bin, wenn ich wieder und wieder die Anmeldezettel um die Ecke ausfüllen muss.

Die unglaubliche Geschichte der Charlotte Perriand

 

Charlotte Perriand auf der Chaiselongue B306, 1928, Quelle

 

Der Corona-Virus hat auch seine guten Seiten – zum Beispiel kommt man beim zwangsverordneten Rückzug ins Häusliche endlich wieder mehr zum Lesen!

Mit diesem Text möchte ich euch unbedingt ein Bilder-Buch, aka „Graphic Novel“, ans Herz legen: „Charlotte Perriand. Une architecte française au Japon 1940-42“.

Das Buch ist bislang leider nur in einer französischen Auflage erschienen, aber mit einem Rest Schulfranzösisch durchaus zu bewältigen. Außerdem geht es ja vor allem ums Schauen, vieles erschließt sich zwischen den Zeilen (und für den Rest gibt es google translate).

Wer das Buch nicht lesen kann/will, hat hoffentlich Spaß an meinem folgenden Beitrag!

Das Bilder-Buch

Ich bin eigentlich keine Comic-Leserin. Das merkt man schon daran, dass ich den Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel nicht kenne. Neulich las ich jedenfalls meine erste Graphic Novel, wobei „lesen“ die Sache nicht ganz trifft, denn mit ihren kunstvollen Zeichnungen verführen Graphic Novels in erster Linie zum Schauen. Besonders gelungen ist diese Mischung aus Kunst und Content in „Charlotte Perriand. Une architecte française au Japon 1940-42“ aus der Feder des französischen Comiczeichners Charles Berberian. Hinter dem etwas spröden Titel verbirgt sich eine faszinierende und unglaublich schön gezeichnete Geschichte.

Für Ahnungslose wie mich: Charlotte Perriand (1903-1999) war eine der wichtigsten Möbeldesignerinnen des 20. Jahrhunderts. Wer auch nur kurz recherchiert, stößt auf eine Reihe von Möbeln und Inneneinrichtungen, die jedem geläufig sind, der sich auch nur ein klitzekleines bisschen mit Designgeschichte auskennt.

Zum Beispiel:

Stuhl B301, 1929, Quelle

oder:

Studentischer Raumteiler: Das Bücherregal, das Charlotte Perriand 1952 für das Pariser Studentenwohnheim "Maison du Mexique" entworfen hat, war einst fest im Boden der Zimmer einbetoniert.
Bücherregal für das Pariser Studentenwohnheim „Maison du Mexique“, 1952, Quelle

Und, vor allem:

Cassina Le Corbusier LC4 Liege Leder schwarz
Chaiselongue B306 von 1928, Quelle


Charlotte … what?

Wie gesagt, die Möbel kennt (fast) jede – allerdings nicht unbedingt unter dem Namen ihrer Urheberin. Bis vor kurzem wurden diese Design-Ikonen nämlich den großen Männern der modernen Design-Geschichte zugeschrieben. Allen voran LeCorbusier, in dessen Pariser Studio Charlotte Perriand zwischen 1927 und 1937 gearbeitet hat. Der Architekt war auf die junge Designerin durch ihre „Bar unterm Dach“ aufmerksam geworden, die die Studentin ursprünglich für ihr eigenes Apartment entworfen hatte und dann auf dem Pariser Herbstsalon 1927 ausstellte. Umgeben von der gefälligen Eleganz des Art Déco, muss die coole Konstruktion aus Kupfer, eloxiertem Aluminium & Glas damals wie die vom Himmel gefallene Lounge eines intergalaktischen Raumschiffs gewirkt haben. Jedenfalls sorgte Charlottes Bar ordentlich für Furore und hinterließ offenbar auch bei LeCorbusier Eindruck, der darin wahrscheinlich eine Art Seelenverwandtschaft zu seiner funktionalistischen Ästhetik entdeckte und die junge Designerin kurzerhand einstellte. In der zehn Jahre dauernden Zusammenarbeit mit dem mâitre entwirft Charlotte Perriand Möbel und Ausstattung für seine architektonischen Entwürfe; sie übersetzt seine Ideen, entwirft Prototypen und experimentiert mit neuartigen Materialien und industriellen Konstruktionsformen. Obwohl ihre Möbeldesigns dem Atelier zu beträchtlichem kommerziellen Erfolg verhelfen, bleibt Charlotte Perriand als Co-Designerin in der Arbeitsgemeinschaft mit zwei Männern (neben LeCorbusier war dort auch dessen Cousin Pierre Jeanneret tätig) immer im Schatten. 1937 beendet Perriand die Zusammenarbeit schließlich, um unter eigenem Namen zu arbeiten.

Die Reise nach Japan

1940 unternimmt Perriand eine zweijährige Reise nach Japan. Auf Einladung der japanischen Industrie- und Handelskammer soll sie als Design-Beraterin in Tokyo die Entwicklung neuer Produkte für den westlichen Markt unterstützen.

Mit dieser Reise startet die Graphic Novel. Die ersten Bilder zeigen Perriand auf der Kakusan Maru, dem Schiff, das sie nach Japan bringen wird. Man sieht sie in ihrer Kabine vertieft in ein Buch über die japanische Teekultur, als sie ein schwarzer Rabe besucht, der – mit runder Brille und Fliege unverkennbar ein alter ego von LeCorbusier – an ihr Gewissen appelliert, doch nicht einfach alles aufzugeben für diese „verrückte“ Reise. Zum Verständnis: „Verrückt“ meint im Kontext der männlich dominierten Designszene die Aktion einer selbstbewussten Frau, die mitten im Zweiten Weltkrieg beschließt, aus dem Schatten eines männlichen Meisters herauszutreten, um auf einem fremden Kontinent auf eigenen Beinen zu stehen. Von ihrem Alptraum wachgeworden, geht Charlotte an Deck und trifft zwei andere schlaflose Mitreisende. Ein Mann mit einem Hahn auf dem Arm, dem er den Sonnenaufgang zeigen will und eine Frau, die nach Shanghai reist, wo sie ihren Verlobten treffen wird. Ob sie mit ihrem Mann reise, wird Charlotte gefragt. „Je ne suis pas mariée“ antwortet Charlotte.

In dem skurrilen Zusammentreffen der drei Passagiere mit Hahn auf Deck kurz vor Sonnenaufgang ist bereits der Ton angelegt, mit dem Berberian die ungewöhnliche Geschichte der Charlotte Perriand erzählt: Unaufgeregt, poetisch und mit leisem Humor entwirft er Zeichnungsfolgen, die mal in schwarz-weiß, mal mit pastelligen Aquarellskizzen angelegt sind und an japanische Tuschzeichnungen erinnern oder an französische Comics aus den 1950er Jahren oder an beides. So atmet Berberians Erzählstil immer etwas von der Freigeistigkeit seiner Protagonistin. Vieles vermittelt sich zwischen den Zeilen bzw. zwischen den Bildern.

Zum Beispiel in der Szene mit der Pressekonferenz beim Ministerium, die anläßlich von Perriands Ankunft in Tokyo abgehalten wird. Wie könne es sein, fragt einer der anwesenden Journalisten, dass das Ministerium ausgerechnet eine Frau für einen solch wichtigen Job nominiert habe? Perriands Antwort ist sehr schlicht: „Ich stelle mir diese Frage selbst noch immer, aber ich fühle mich geehrt durch das Vertrauen.“ Punkt.

Culture Clash auf Japanisch

Perriand dachte nicht in gegensätzlichen Kategorien. Die Frage von Mann oder Frau war für sie ebenso uninteressant wie die Opposition von Alt und Neu, Rückschritt und Fortschritt. Ihr Interesse galt immer dem Raum und den durch ihn geschaffenen Möglichkeiten der sozialen Interaktion. „Die Leere“, so referiert Perriand im Rekurs auf Laotse an einer Stelle vor ihren Kollegen, „ist mächtig, weil sie alles enthalten kann. Leere ist nicht nichts, sondern die Möglichkeit sich zu bewegen.“ Die Delegation verfällt daraufhin in betretenes Schweigen und bricht die Anhörung vorzeitig ab. Culture Clash auf Japanisch.

Wenn man bedenkt, dass im damaligen Japan die europäische Moderne die Orientierung vorgab und die ästhetischen Leitplanken für eine zeitgemäße moderne Gestaltung definierte, ist diese Reaktion durchaus verständlich. Aber Perriand läßt sich nicht beirren und verfolgt ihr Konzept einer Verbindung der (vermeintlichen) Gegensätze von Tradition und Moderne, Japan und Europa mit der ihr eigenen sanften Beharrlichkeit. Anstatt den europäischen state of the arts zu vermitteln, wirbt sie im japanischen Ministerium für eine Auseinandersetzung mit den eigenen kulturellen Wurzeln.

Wie leben Menschen in unterschiedlichen Kontexten, wie wohnen sie, wie sitzen sie, wie arbeiten sie und mit welchen Materialien umgeben sie sich? Welchen Beitrag leisten Möbel zur Ausprägung sozialer Räume?

Mit diesen Fragen im Gepäck unternimmt sie Ausflüge in die japanische Provinz, um die lokalen Traditionen kennenzulernen. Sie entdeckt die Klarheit und Einfachheit von Räumen, die durch wenige Artefakte strukturiert und wandelbar sind. Sie ist fasziniert von den schlichten Möbeln aus Holz und Bambus und sie beginnt, aus diesen Grundformen und traditionellen Materialien Entwürfe abzuleiten. In Zusammenarbeit mit lokalen Werkstätten und Designern entstehen Prototypen, darunter auch die Liege „Tokyo“, aus Bambus und Holz, mit der Perriand ihre berühmte Stahlrohrliege neu interpretiert. Die umgesetzten Entwürfe werden 1941 unter dem Titel „Selection, Tradition, Création“ in einer großen Design-Ausstellung in Tokyo gezeigt und begeistert aufgenommen. Heute gilt diese Ausstellung als Beginn der Ära des modernen japanischen Designs.

Ausstellungsinstallation „Selection, Tradition, Création“, Tokyo 1941, Quelle

Yo no bi

Das Alte ist modern, das Einfache komplex und die Tradition ist Inspiration für Neues. Aus diesen Verbindungen gewinnt die Geschichte ihre leichtfüßige Beweglichkeit. Das japanische Konzept des yo no bi („Schönheit & Funktion“) und das Motto der westlichen Moderne form follows function ergänzen sich wie zwei Seiten einer Medaille.

Die Japan-Reise bildet den roten Faden, um den herum Berberian immer wieder Schlaglichter auf biografische Stationen der Charlotte Perriand vor und nach dem Aufenthalt in Japan wirft. So erfährt die Leserin in Rückblenden von der Zusammenarbeit mit LeCorbusier, ebenso finden sich Hinweise auf ihr politisches Engagement und Perriands Eintreten für eine sozial verträgliche Architektur.

Charlotte Perriand, Haute Savoie um 1930, Quelle

Auch die Naturliebe der Französin, die weite Teile ihrer Kindheit in den Savoyer Alpen verbracht hat, findet Berücksichtigung. Zeichnerisch großartig ist die Episode, in der Charlotte mit einer Gruppe durch eine verschneite Berglandschaft wandert. Mit viel weißblauem Nichts auf drei Seiten greift Berberian hier die Figur der Leere auf und übersetzt sie in Spiel-Räume fürs Auge. Wanderwege der Imagination.

Mit dem minimalistischen Teepavillon aus Bambus, den Perriand als eines ihrer letzten großen Werke 1993 für das Hauptquartier der Unesco in Paris gestaltet hat, endet Berberians Geschichte schließlich. Man sieht zwei zeitgenössische Spaziergänger, die in der Parkanlage vor dem Pavillon auf einer Bank sitzen und sich über Charlotte Perriand unterhalten. Damit schließt sich der Kreis …

… nicht ganz! Denn im Anhang der Graphic Novel findet sich noch ein langes Interview, das Charles Berberian mit Pernette Perriand, der Tochter von Charlotte, geführt hat. Darin eingestreut sind Aquarelle von Berberian zu den bekanntesten Möbeln der Designerin.

Moebelzeichnung1

„Ich definiere mich nicht, das wäre eine Einschränkung“, hat Charlotte Perriand einmal gesagt. Und genau so ist Berberians Bilder-Buch: Überbordend, poetisch, gespickt mit Verweisen und einfach zauberhaft! Ein absolutes Must für alle, die Zwischentöne lieben – zwischen den Zeilen, den Bildern, den Farben, den Kulturen und den Zeiten.

Charlotte Perriand während eines Japan-Aufenthaltes in den 1950er Jahren, Quelle

Viel Vergnügen beim Lesen und: Bleibt gesund!

Nutzt die Zeit des Rückzugs, die uns unerwartet zur Verfügung steht, für all die Dinge, die ihr schon immer tun wolltet. Seid kreativ, malt, lest, tauscht euch mal wieder ausgiebig aus mit euren Familien und Mitbewohner*innen aus, renoviert eure Wohnung, zeichnet, schreibt, musiziert – oder macht den Frühjahrsputz …

Berlinale, meine

Die Berlinale neigt sich dem Ende zu, wie in all den vergangenen Jahren war ich ein treuer Besucher der verschiedensten Filme. Wie immer, gab es gute oder so-la-la Filme. Die Berlinale ist eine Pralinenschachtel: man weiß vorher nicht, was man kriegt und ob es einem schmeckt. Manchmal ist es zum Ausspucken abscheulich, aber dann gibt es auch Juwelen, die unvergesslich sind.

Von den Filmen, die ich in diesem Jahr gesehen habe, möchte ich hier über einen schreiben, der mich nachhaltig beeindruckt hat: “Persian Lessons”. Ich bin kein Filmkritiker, es geht also nicht um die (sehr beeindruckende!) Schauspielkunst (Lars Eidinger, Nahuel Pérez Biscayart) oder stilistische Bewertungen, sondern nur um meine sehr subjektive Wahrnehmung.

Der FIlm spielt 1942 in Frankreich während der Besatzung der Deutschen. Man denkt sofort, dass es wieder einer dieser Nazifilme ist, bei dem jeder weiß, wer gut und böse ist. Die große Kunst des Films ist aber, eine menschliche Geschichte zu erzählen, die innerhalb dieses Horrors spielen kann, ohne die Grausamkeiten zu relativieren. Ich sehe nicht so oft Nazi-Filme, deshalb hat mich diese Geschichte in den Bann gezogen.

In einem LKW werden Juden zu ihrer Erschießung gefahren. Der Nachbar im LKW des Protagonisten, Reza, hat seit Tagen nichts gegessen und fragt Reza, ob er ein Stück Brot habe. Ja, hat er. Der Nachbar bietet ihm zum Tausch ein Buch an, einen persischen Gedichtband. Reza stimmt widerwillig zu, und blättert in dem Buch mit den unentzifferbaren Schriftzeichen. Alle Insassen des LKW werden in einer Massenhinrichtung erschossen, nur Reza kann sich retten, indem er behauptet kein Jude sondern ein Perser zu sein. Als Beweis zeigt er den Gedichtband. Die SS-Männer verschonen ihn, da ihr Vorgesetzter nach einem Perser sucht und ihnen dafür 10 Dosen Fleisch versprochen hat.

Der Vorgesetzte, Obersturmbannführer Koch, braucht einen “echten Perser”, weil er Persisch (Farsi) lernen will. Nach dem Krieg will er nach Teheran auswandern und dort ein Restaurant eröffnen, und dazu muss man ja Farsi sprechen können. Reza bleibt am Leben, wenn er dem SS-Mann Koch Farsi beibringt. Reza stimmt sofort zu, nicht erschossen zu werden und stattdessen Farsi zu unterrichten. Sie vereinbaren jeden Tag Vokabeln zu lernen. Reza muss sich Worte, Laute ausdenken und glaubhaft als Farsi-Vokabeln lehren. Nach den ersten 20 Vokabeln kann er sich nicht mehr irgendwelche Kunstworte ausdenken und auch noch die Bedeutung zu merken, sodass er ein System erfindet: Eine seiner Aufgaben ist es, die Namen der Insassen zu protokollieren, und er erfindet Worte aus den Silben der Namen. Beim Suppenauschank sieht er sie und verbindet Namenssilben mit Vokabeln zu: “Trauer”, “Hoffnung”, “Lüge”, “groß”, “Kind”, usw. So bekommt jeder Mensch einen Namen und eine Eigenschaft, und damit eine Vokabel. Er wird zum wandelnden Lexikon einer erfundenen Sprache, die ihm das Leben rettet.

https://www.critic.de/film/persian-lessons-13808/trailer/

Der Film behauptet, dass die Geschichte auf einer echte Begebenheit basiert, ob das stimmt oder nicht ist eigentlich egal. Denn Geschichte ist ebenso verrückt wie zutiefst menschlich. Wer würde nicht lügen was das Zeug hält, um zu überleben? Für mich ist die viel bedeutendere Botschaft, wie unersetzlich Worte und Sprache sind. Sprache konstituiert Identität. Mit Worten kann man überleben, man kann Sprachen erfinden, man kann Menschen erreichen, sogar SS-Offiziere.

Nach der Befreiung wird Reza vom britischen Offizier gefragt, ob er denn auch Namen der Gefangenen und Abtransportierten kenne. Das ist kein Problem, sagt er, ich hab alles in Listen protokolliert. Der britische Offizier schüttelt den Kopf, die Nazis haben alle Unterlagen verbrannt, ob er deshalb nicht doch den einen oder anderen Namen kenne? Ja, sagt Reza, ich kenne 2400 Namen. Und dann fängt er an, alle Namen, einen nach dem anderen aufzusagen, minutenlang. Er weiß sie noch alle, die Namen sind nicht vergessen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Menschen leben weiter in den erfunden Farsi-Vokabeln.

Der Film lief leider nicht im Wettbewerb, sonst hätte er sicher den einen oder anderen Preis gewonnen.

5 Tage New York

Alle paar Jahre wieder reisen wir nach New York. Und jedes Mal ist es anders. Diesmal war es so:

KALT

New York ist viel kälter als Berlin. Zumindest Ende Januar. Während in Berlin in Zeiten des Klimawandels die ersten mutigen Restaurantbesitzer schon mal Tische und Stühle nach draußen stellen, schneit es auf der Fifth Avenue und die New Yorker schlurfen fest eingemummelt und mit Uggs an den Füßen (die ich nach wie vor für die hässlichsten Schuhe ever halte (neben den noch hässlicheren Crogs)) über die vereisten Gehwege. Die Kälte lässt kleine Wölkchen beim Ausatmen entstehen. Zusammen mit den Rauchwolken aus den dampfenden Gullis bilden sie eine neblige Kulisse für das Rot der Ampeln und das Gelb der Taxen. Wie in einem Weihnachtsfilm.

LAUFEN

… im Central Park morgens um 7. Den Jetlag bei minus sechs Grad aus den Knochen treiben. Das geht ganz einfach, weil man völlig fasziniert auf die sich ständig wandelnde Skyline von Upper East und Upper West schaut: Zwischen den vertrauten jugendstiligen Apartmentkomplexen und neugotischen Trutzburgen mit ihren 300 qm DeLuxe-Wohnungen plus ausladenden Dachterrassen haben sich superdünne Skyscraper in den Himmel geschraubt: die neuen sogenannten Bleistift-Hochhäuser. Gegenüber dem diskreten Charme der bourgeoisen Upperclass-Architekturen wirken sie ein wenig wie nervös tänzelnde neureiche Verwandte, die zum ersten Mal auf Besuch sind und unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen wollen.

FILMKULISSE

In New York fühlt man sich die ganze Zeit wie in einer Filmkulisse. Das Gehirn spult die gespeicherten Filmbilder aus all den Filmen aus New York, über New York, in New York ab und tackert sie an das dran, was man gerade sieht. Das wirkt manchmal irritierend, manchmal macht es aber auch extrem gute Laune – zum Beispiel, wenn man mit Woody Allens neurotisch-nostalgischem Schwarzweissfilter auf den Augen durch Manhattan spaziert.

ZEITLOS UNZEITGEMÄSS

New York ist keine Megacity. Zwar gehört es noch immer zu den größten Städten weltweit, aber ohne das Megalomanische von Megacities wie Dakha, Mombai oder Tokyo. So wie Paris die Stadt des 19. Jahrhunderts gewesen ist, so ist New York die Stadt des 20. Jahrhunderts und je weiter das 21. voranschreitet desto mehr wirkt sie wie aus der Zeit gefallen mit ihren kaputten Straßen, veralteten U-Bahnen, den scheppernden Klimaanlagen und gurgelnden Wasserrohren. New York’s technischer Standard stammt größtenteils noch aus den 1960ern. Und so hört es sich auch an. Die Stadt klappert, ächzt und stöhnt – dazu summt leise die Titelmelodie aus Brazil.

ANDERERSEITS

Wie Gentrifizierung aussieht, kann man im südlichen Teil von Manhattan sehen. Südlich der 4. Straße, oder im Lower East-End, dort wo es früher Freiräume für neue oder andere Lebensformen gab, sind in den kleinen, feinen Ladenlokalen heute Designerlabels eingezogen. Im Schaufenster sieht man nur eine Handvoll ausgewählte Stücke; alles ohne Preisschild, versteht sich. Die Kapitalismusnischen sind verschwunden…

NISCHEN

… oder auch einfach anders besetzt. Zynisch könnte man sagen: konsequent besetzt, nämlich von Obdachlosen, die in U-Bahnschächten, vor ausladendenden Schaufensterfassaden oder in Shoppingmalls sitzen und liegen. Oft barfuß, mit zerlumpten Klamotten und zugedeckt mit speckigen Plastikfolien markieren sie die dunkle Seite der Luxusmarke BIG APPLE.

TEUER

New York ist wahnsinnig teuer. Der Dollarkurs bewegt sich nicht dramatisch, es sind viel mehr die normalen, lokalen Preise. Eine Pizza für 30 US$, ein Glas Wein für 10 US$, ein Frühstücksomelett für 16 US$. Das sind die Preise in einem profanen Eck-Diner oder der Pizzeria Downtown. Gemessen an der Einkommenssituation, die nicht so viel anders sein dürfte als in Berlin, fragt man sich verzweifelt, wie die Familie, die am Nebentisch fröhlich vier Pizzen inklusive Nachtisch, Cola und einem Eimer Bier verdrückt (ja, Bier wird hier in Plastikeimern für „nur“ 30 US$ pro Liter angeboten) das finanziell stemmen kann – an einem banalen Montag, einfach so, abends um 7.

EINNERUNGSBRÖSEL

Eine Reise nach New York ist für alle Pop-Kulturalisten, Bohemians und andere unverbesserliche Liebhaberinnen von Subkulturen das, was die Grand Tour nach Italien vor 300 Jahren gewesen ist: ein Sehnsuchtsort für Zitronenliebhaber (Goethe!), für Kunst-Goldschürfer und für romantische Seelen mit Faible für Ruinen. Nur dass es im Fall von New York nicht um reale Ruinen geht, sondern eher um so etwas wie sentimentale Brösel der eigenen Erinnerungsbilder…

POP

… Apropos Erinnerungsbrösel. Warhols Factory und Basquiat, Patti Smith und Velvet Underground, Tom Waits und die Brooklyn Opera. Popkultur und Off-Spirit: New York war Out of the Box lange bevor der Begriff den Mainstream erreichte. Und heute? Glücklicherweise gibt es zwischen den abweisenden Glasfassaden gigantischer Immobilienprojekte und den hochpreisigen Modelabels im kaputtsanierten Soho immer noch grandiose Kunsterlebnisse…

AMERICAN UTOPIA

… Zum Beispiel David Byrnes „American Utopia“ im Hudson Theatre. Music meets performance meets humor meets politics. Allein schon das Bühnenbild dieses Konzerts, das wie eine Musik-Performance funktioniert, aber auch eine minimalistische Tanz-Choreographie sein könnte: Kettenschnüre auf drei Seiten der Bühne, die zu Beginn des Konzerts ganz langsam nach oben gezogen werden, um das Geschehen für die folgenden zwei Stunden als silberner Vorhang einzufassen. Dazwischen 11 grandiose Musiker-Performer und ein gutgelaunter David Byrne, der immer wieder Anekdoten erzählt und die Amerikaner an ihre politische Verantwortung im Wahljahr 2020 erinnert. American Utopia made in 2020!

Alle paar Jahre wieder reisen wir nach New York. Und das nächste Mal wird es wieder anders sein.

Rituale

Es gibt da diese Kosmetikfirma, Rituals, die machen Cremes, Duschöle, allen möglichen Kram, der sich irgendwie biologisch-natürlich anfühlen und auch so aussehen soll. Holz, erdige Farben, Gerüche von Gewürzen und Waldboden, Exotik gemischt mit einer Prise Landhaus. Der Markenname transportiert ein Klischee von „good old stuff“, und geht mit der Vorstellung einher, irgendwann in einem Land vor unserer Zeit seien die Dinge irgendwie echter, authentischer, purer gewesen und dass man sich dieses Pure, Echte, Authentische durch Aufsprühen, Eincremen, Durchrubbeln wieder aneignen könne.

Weihnachten funktioniert ähnlich. Statt Markenbotschaft ein Heilsversprechen, das alle Jahre wieder mit der Weihnachtsgeschichte in Erinnerung gerufen wird. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Vier Wochen multisensuelle Ganzkörpermassage mit funkelnden Tannenbäumen, Weihnachtsliedern, Glühwein, Zimtgeruch, und, natürlich, dem allgegenwärtigen Geschenke-Kaufrausch. Man hüpft von Weihnachtsfeier zu Firmenessen, checkt die letzten Geschäftstermine; dazwischen werden noch die Jahresbilanzen erstellt und die letzten Budgets ausgegeben. Von Besinnlichkeit keine Spur. Vor allem in Berlin habe ich den Eindruck, dass die Geschäftigkeit in dem Maße zunimmt, in dem der Bezug zum Ursprung dessen, was da eigentlich gefeiert wird, verlorengeht. Die strahlenden Lichter verdecken, dass wir ordentlich im Dunkeln stolpern. Und dann kommt Heiligabend, der Höhepunkt. Ruhe kehrt ein. Alle Lieben versammeln sich um den Baum, man knuddelt sich, man kabbelt sich, man rubbelt Verpackungen auf und zelebriert Nähe und Nächstenliebe. Weihnachten ist ein Ritual. Jeder liebt es, jeder hasst es.

Rituale gehören zum Menschsein wie das Jagen und Sammeln.

Warum ist das so? Aus sozialanthropologischer Sicht lässt sich das Ritual definieren als wiederkehrende Handlung mit stark formalisierten Regeln, die für alle Gruppenmitglieder eine verbindliche Symbolkraft entfalten. Ursprünglich sind Rituale aus abgewandelten Alltagstätigkeiten wie Ernte und Ernährung, Tausch und Feiern entstanden. Sie folgen einem immer gleichen Ablauf – zu gleichen Zeiten, an gleichen Orten, unter gleichen Bedingungen. Damit hat das Ritual eine wichtige soziale Funktion: In ihm verdichten sich Modelle von Gemeinschaft und Zusammenleben, die für alle gelten. Die geregelte Struktur schafft Sicherheit und bietet zugleich Entlastung, denn im Ritualmodus sind Platz und Rolle der Beteiligten geklärt. Der Einzelne kann auf Autopilot schalten.

Weihnachten ist ein uraltes Ritual

Schon in heidnischer Zeit gab es das Fest der Wintersonnenwende: Ende Dezember wird es ganz langsam wieder heller und mit dem Licht kommt das Leben zurück. Der immergrüne Tannenbaum steht dafür ebenso wie das Licht der Kerze. Das Christentum hat diese Botschaft übernommen und mit dem Narrativ der Geburt Jesus aufgeladen. Weihnachten wurde zum Fest der Hoffnung und der Dankbarkeit. Soweit die Botschaft.

USDA Christmas Trees Market and Shipping Point Inspection Instructions, https://www.ams.usda.gov/sites/default/files/media/Christmas_Tree_Inspection_Instructions%5B1%5D.pdf

 

Bis heute bildet Weihnachten das vielleicht letzte große, verbindende Ritual im christlichen Kulturkreis und auch, in Zeiten von Säkularisierung und Globalisierung, ein Fest der interkulturellen Verständigung. Kann es zumindest sein – ich habe zum Beispiel gestern mit meinem Kreuzberger Lieblingsfleischer Rezepte für Weihnachtsbraten ausgetauscht.

Allerdings beobachte ich gerade in Berlin um die Weihnachtszeit auch eine Art Phantomschmerz. Viele erleben statt Glauben und Transzendenzerfahrung ein Vakuum, das durch Geschenke, Glitter und Lametta nur unzureichend gefüllt wird. Was bleibt, ist eine diffuse Sehnsucht, dass da eigentlich noch mehr sein sollte. Und so fangen Familien an zu streiten, Paare trennen sich unter dem Weihnachtsbaum, Alleinstehende verbringen Weihnachten in der Eckkneipe. Die Sehnsucht nach etwas, das nicht (mehr) da ist, ist der Grund für weihnachtliche Familiendramen ebenso wie für die zahllosen Weihnachts-Verweigerer, die dem ganzen Trubel entkommen wollen, indem sie in die Karibik jetten oder sich alleine, zuhause in der Badewanne, eine jahresendzeitliche Auszeit gönnen.

Auch eine duftende Badewanne kann ein Ritual sein…

… ein Ritual, das man nicht mit anderen, sondern mit sich selbst praktiziert. Vieles spricht dafür, dass darin eine neue, zeitgemäße Dimension entsteht. Egal ob es sich um Tutorials auf Youtube handelt, die zeigen, wie man am besten seine Wohnung ordentlich hält, um morgendliche Yogarituale, 10-Punkte-Pläne zur Stressbewältigung oder die erwähnte Badewanne: Die sozialen Medien und andere Kommunikationskanäle sind voll von guten Ratschlägen, wie man Ordnung und Struktur schafft – und damit Sinn produziert. „Wenn du die Welt verändern willst, fang mit den kleinen Sachen an“, rät der ehemalige US-Offizier William McRaven. Sein Buch Mach dein Bett! stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times und wurde zu einer Art Bibel für Jünger der Morgenroutine.

Mein persönliches Ritual ist das Laufen. 3-4 mal die Woche ziehe ich meine Runden im Gleisdreieck-Park. Eine Stunde Auszeit vom Alltag. Eine Stunde Atmen und Körper-Sein. Und immer wieder erlebe ich die Stunde als befreiend. Egal ob ich mich davor schlecht gefühlt habe, gut oder einfach gleichgültig. Danach fühle ich mich besser.

RobertSmithson, Spiral Jetty, Great Salt Lake / Utah 1970

„Rites de passage“

Rituale sind so etwas wie Seismographen von gesellschaftlichen Vereinbarungen. Sie loten aus, was in einer Gemeinschaft funktioniert – und was nicht (mehr). Für diese transformierende Kraft hat die Sozialanthropologie die schöne Formulierung „Rites de passage“ gefunden. Rituale sind Übergänge. Im Gegensatz etwa zur Zeremonie, die lediglich eine gegebene soziale oder kulturelle Konvention bestätigt, haben Rituale auch die Kraft, diese umzuformen. Sie unterbrechen den Alltag, indem sie vertrauten Handlungen einen Rahmen geben und schaffen durch diese Unterbrechung zugleich die Möglichkeit, den Rahmen infrage zu stellen. Das strauchelnde Weihnachtsritual stellt aus dieser Sicht ein Symptom dar. In einer Welt, in der die soziale Logik des Allgemeinen in eine soziale Logik des Besonderen kippt, verlieren die großen, gesellschaftlichen Verabredungen ihre Bindekräfte.

Tomas Saraceno, On Space Time Foam, 2012

Jeder steckt in seiner eigenen Blase

Und hier kommen die „kleinen Rituale“ ins Spiel. In ihnen weicht die Makroperspektive einer Mikrosicht auf den individuellen und persönlichen Kosmos. Nicht mehr das große Ganze steht zur Debatte, sondern der private, überschaubare Radius. Kleine Rituale vermitteln Sicherheit in einem überschaubaren und kontrollierbaren Rahmen. Das Außen lässt sich ohnehin nicht ändern und bleibt außen vor. Dadurch entstehen Sonderzonen, kleine Inseln eines bewussten Erlebens, in denen das Rauschen der Zeichen für Momente erlischt und einer Erfahrung von Präsenz weicht.

Das ist schön und gut, doch Präsenz und Selbsterfahrung ist nicht alles und die Wiederverzauberung der eigenen Welt sollte nicht mit dem Rückzug aus sozialer, politischer und kultureller Verantwortung bezahlt werden. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass die Kraft der „kleinen Rituale“ uns auf Dauer nicht zu einer Gesellschaft von Selbst-Optimierern erzieht.

Die Welt braucht auch große Rituale – heute mehr denn je! Mein Weihnachtswunsch wäre deshalb, dass wir mit dem Spirit von Fridays-for-Future ein Ritual erfinden, das Cradle-to-cradle Prinzipien, Kreislaufdenken und immaterielle Werte rahmt und eine gesamtgesellschaftliche Wirkung entfalten kann. Da gibt es ja noch mehr als Demos, oder? Die Weihnachtszeit wäre dafür gar nicht so schlecht geeignet…

Ich wünsche euch frohe Tage mit ausreichend Auszeiten und Sonderzonen!

Die beste Musik 2019

Die besten Alben 2019

Es gibt so viel gute Musik, die man jederzeit überall hören kann. Ich bin noch immer gefangen in meiner früheren Musikwahrnehmung ; nämlich als ein tolles neues Album. Ich denke an “Dark Side of the Moon” oder “London Calling”. Und natürlich höre ich heute als Hintergrundmusik gerne Amazon oder Spotify. Das ist wunderbar. Es entbindet mich von der Verantwortung, für die Musik zuständig zu sein und liefert gleichzeitig eine geniale Auswahl, die ich so nie hätte treffen können.

Ich bin kein Kulturpessimist. Im Gegenteil – ich liebe den technologischen Fortschritt und bin viel zu oft ein Verfechter der Visionen der kommenden Technologien. Ich freue mich auf die Zukunft und tendiere dazu, die damit einhergehenden gesellschaftlichen Widrigkeiten auszublenden. Die Bilder der Verheißungen der künftigen Möglichkeiten faszinierten mich schon immer. Nur mit der Veröffentlichung und Verbreitung von Musik bin ich etwas konservativ.

Ich bin gefangen im Format eines Albums. Ein Album ist etwas anderes als ein einzelner Song, der ist natürlich auch auf einem Album. Aber um es in meine Liste des Jahres 2019 zu schaffen ist ein einzelner Song unerheblich – das Album zählt. Also 10 oder mehr Lieder die hintereinander gehört werden können, ohne dass man zwischendurch die Lust verliert. Ein einzelner Hit, 3 Minuten, ist klasse, darum geht es aber hier aber nicht. Mich interessiert, wie immer in meinem Leben, die Langstrecke. Ein Album, das man eine knappe Stunde auflegen kann, ohne sich selbst zu langweilen, die Nachbarn zu verärgern oder die Gäste zu vertreiben. Unter diesem Aspekt liefere ich Euch die Liste der besten Alben des Jahres 2019, die Ihr unbedingt angehört haben müsst.

In der Reihenfolge von Platz 20 bis zum Gewinner Nr. 1.

** Da Du einer meiner lieben Freunde bist, gibt es für dich, wenn du magst, einen USB-Stick mit dieser famosen Musik-Sammlung als Weihnachtsgeschenk! Du musst mir dafür nur hier unten ein Feedback zu meinem Ranking schicken – etwa was dir gefallen hat, welches Album aus deiner Sicht fehlt etc. Außerdem erwarte ich von Dir zwei Empfehlungen dieses wunderbaren Blogs an andere. Dann darfst Du mir auch gerne vorwerfen, dass zu wenig Frauen vertreten sind. Und dass Sterben und Tod einen zu großen Raum einnehmen, aber so ist das leider derzeit. Ich freu mich auf Deine Rückmeldungen!

20. Hallelujah – The Songs of Leonard Cohen

Er fehlt noch immer. Die Lieder von Leonard Cohen, mit denen wir aufgewachsen sind, werden von anderen Bewunderern gesungen. Mit anderen Interpretationen der einfachen Lieder Cohens wird einem wieder vor Augen/Ohren geführt, was für eine umwerfende Symbiose Text und Melodie eingehen können.

19. Milky Chance – Mind The Moon

Zwei sehr junge Kasseler (also kein Fleisch, sondern Jungs aus Kassel) machen mit ihrem dritten Album nach wie vor frische Musik zwischen allen Genres.

18. Lenny Kravitz – Raise Vibration

Ich mag die einfache Musik von Lenny Kravitz. Einerseits hat sie Stadionrock-Potential, andererseits bricht sie auch immer wieder genau diese Erwartungen.

17. John Hiatt – The Eclipse Sessions

John Hiatt ist ein alter Song-Writer – weiß und Mann. Seit 40 Jahren macht er Musik und hat mit allen Musikern, deren Namen Du noch buchstabieren kannst, gespielt. Er hat es nicht mehr nötig neue Alben zu veröffentlichen. Es spielt einfach nur das was ihm gefällt, und das hört man – fantastisch!

16. David Knopfler – Heartlands

Am Anfang denkt man, die Stimme kennt man doch? Aber nein, es ist der kleine Bruder, David. Abseits des Schattens seines großen Bruders hat er ein sehr ehrliches Album aufgenommen.

15. Rickie Lee Jones – Kicks

Sie ist nach wie vor ein/e Vorbild/in für jede/n Rockmusiker/in – finde ich.

14. Keb‘ Mo‘ – Oklahoma

Setz dich ins Auto, fädele Dich ein auf die Route 66 und stell Cruise Control an. Dann mach Deine Anlage laut mit Keb‘ Mo‘ – was willst Du mehr?

13. Finn Andrews – One Piece at a Time

Finn Andrews (1983) hat sein erstes Soloalbum veröffentlicht, das ich jeden/r ans Herz legen möchte. Es verbreitet mitunter etwas Melancholisches, aber immer mit Zuversicht!

12. Mark Knopfler – Down The Road Wherever

Der große Bruder der Dire Straits. Das Album ist zwar noch von 2018, aber erst in diesem Jahr hatte ich die Gelegenheit ihn Live zu erleben. Nach 40 Jahren ist er noch immer ein toller Musiker. Prädikat: verlässlich gut.

11. Bedouin Soundclash – Mass

Diese kanadische Band wollte/durfte ich vor ca. 10 Jahren in Paris in einem kleinen Klub erleben. Ein fantastischer Abend mit überaus sympathischen Musikern, die zufälligerweise im selben Hotel übernachteten. Ich war auf dem Weg zum Marathon, sie auf Tournee. Dies ist das erste Album seitdem, und ich hoffe, dass es ein Erfolg wird.

10. Ratso – Stubborn Heart

Ratso hat eine unvergleichliche Rock’n’Roll Karriere hinter sich. Bob Dylan, Leonard Cohen, Nick Cave, Tom Waits: Er hatte sie alle. Er schrieb Bücher, Texte, Songs. Aber jetzt hat er altersweise sein erstes(!) Album veröffentlicht. Wie er mit Nick Cave im Duett singt: Bitte einrahmen und konservieren!

9. Vampire Weekend – Father of the Bride

Vampire Weekend hat bei mir einen Jugend-Bonus-Stein im Brett. Jetzt endlich nach vielen Jahren haben sie wieder ein neues Album veröffentlicht, und ich freue mich immer, wenn ich es höre. Leichte Musik, die immer wieder das Wohlgefühl bricht.

8. Dirty Heads – Super Moon

Auch wieder eine Band, die ich seit Jahren schätze, und vor ein paar Jahren im Lido erlebt habe. Nach langer Zeit ist das ihr neues Album. Sollten die nach Berlin kommen: unbedingt hingehen!

7. Dido – Still On My Mind

Ich habe sie (wir ihr alle) zum ersten Mal im Remix von Eminem gehört (also vor ca. 20 Jahren mit “Stan”). Aber sie hat auch danach immer tolle Lieder gemacht (z.B. “White Flag”). Das neue Album hat vielleicht keinen No.1 Hit aber das kann ja noch kommen.

6. Norah Jones – Begin Again

Das Album ist eine Offenbarung: alles ist anders. Bei Norah Jones erwartet man seichte, gefällige Soft-Jazz-Unterhaltung. Nichts dergleichen! Bei dieser Musik sitzt Du entweder vorne auf der Stuhlkante oder wackelst Deinen Arsch weiter hinten.

5. The Specials – Encore

Die Specials waren Teil meiner Jugend, damals als Ska-Punk-Band mit Hits wie “Rudie”. Politisch immer auf der Höhe, nach wie vor seit 40 Jahren. Vor ein paar Jahren durfte ich sie in Dublin live erleben, noch in der Originalbesetzung. Dieses Jahr haben sie nach 38 Jahren ein neues Album veröffentlicht, und was soll ich sagen – es ist fantastisch. Das Konzert in Berlin hat es bestätigt.

4. Seeed – BAM BAM

Nach dem Tod von Demba haben sie es geschafft weiter zu machen. Seeed sollte zum Grundkonsens jeglicher Musikrezeption gehören. Wer Ohren hat, hört Seeed!

Und hier die Top drei, mit einem Youtube-Link:

3. The Lumineers – III

Dieses Album kommt tatsächlich überraschend. Es gehört in die Kategorie: man muss es nur oft genug gehören – aber dann entfaltet es eine unwiderstehliche Sogwirkung. Und dann kommt man nicht davon los. Positiver Suchtfaktor!

 

2. Joe Henry – The Gospel According to Water

Seit vielen Jahren bewundere ich die Musik von Joe Henry. Wir durften ihn gerade noch in Neukölln zusammen mit Billy Bragg bei einem beeindruckenden Konzert erleben. Dieses neue Album von Joe Henry steht ganz im Zeichen seines Endes, denn vor kurzem hat er die Krebs-Diagnose bekommen. Nichtsdestotrotz hat er dieses Album mit viel Lebensfreude produziert, jedes Lied ist wertvoll. Er hat die Größe, Zuversicht zu verbreiten im Angesicht der Endlichkeit. Die Musik ist wunderschön.

Hinzu kommt: dieses Video ist eines der beeindruckensten Musikvideos, die ich seit langem gesehen habe: Ein tolles Lied. Er weiß, dass er demnächst sterben wird und schaut dem ins Auge. Und dann dieses Musikvideo.

 

1. Leonard Cohen – Thanks for the Dance

Das Leben ist ein Kreis, ich habe mit Leonard Cohen auf Platz 20 angefangen, und ich ende mit ihm. Dieses Album erschien gerade posthum, wunderschön produziert von seinem Sohn. Er muss gar nicht singen, wir haben die Melodie in unserem Kopf.

“I’m almost at home/ No one to follow and nothing to teach.”

 

Eine Zugabe habe ich auch noch:

Zugabe: Frank Turner – Live At Nottingham

Wie es sich für eine Zugabe gehört – ein Live-Album. Auch mit diesem Musiker pflege ich eine jahrelange Verbundenheit. Vor etlichen Jahren spielte er noch im kleinen Club im Prenzlauer Berg vor 100 Gästen, heute füllt er Riesenhallen. Die Energie und Spielfreude ist aber nach wie vor ungebrochen. Dieses Album ist ein Livemitschnitt von 2016, es war in seiner 10-jährigen Karriere sein 2000. Konzert!

 

Und? Neugierig geworden wie sich alle Alben komplett anhören? Wie Du an den Stick kommst steht oben. Wir freuen uns auf Deine Meinung!