„Aufprall“ – ein Buch, das man unbedingt lesen muss!

Generationenromane sind mir suspekt. Besonders solche, die vorgeben, mit der Stimme meiner Generation zu erzählen. Denn bei der Lektüre schleppt man unweigerlich den gesamten eigenen Vorrat an Erinnerungen, Erwartungen, (zerplatzten) Hoffnungen und Träumen mit. Kaum möglich, dass ein Buch all diese verknoteten und teils widersprüchlichen Fäden aufnehmen kann.

Oder doch?

„Aufprall“ macht jedenfalls genau das. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von „Jungmenschen in Westberlin“ – wie es im Vorwort heißt – die Anfang der 1980er Jahre in der geteilten Stadt Häuser besetzen. Luise, Thomas, Elena, Vroni, Soraya, Robert, Wolle, Irene, Lars und all die anderen sind ein zufällig zusammengewürfelter Haufen aus Studenten, Glückssuchern, Wehrdienstverweigerern und Lebenskünstlern. Zwischen bröckelnden Fassaden, maroden Hauseingängen, Zimmern, die mit Taubenkacke gepflastert sind, und herausgeschlagenen, zu Brennmaterial umfunktionierten Dielen erproben sie ein Leben, das genauso porös und durchlässig ist wie die Räume, in denen sie sich improvisiert, vorläufig, immer auf Anfang, einrichten.

Hausbesetzer-Roman „Aufprall“ : „Berlin ist eine Stadt, um zu scheitern“
Katrin Wieland, Heinz Bude, Bettina Munk @Foto: Carsten Koall, Berliner Zeitung

Wohnen wird zum künstlerischen und politischen Experiment für ein anderes Leben, von dem keiner der Akteure genau weiß, wie es aussehen soll.

Auf jeden Fall anders als das der in Westdeutschland zurückgelassenen Eltern mit ihren bürgerlichen Existenzen, anders als die Besserwisserei der „entsetzlichen Achtundsechziger“, aber auch anders als das von militanten Kampfparolen geschwängerte Pathos, das von den Terroraktionen der RAF aus den 70er Jahren in die Hausbesetzerszene der frühen 80er Jahre herüberweht und immer wieder als Referenzrahmen aufscheint.

Aus dieser Spannung zwischen dem, was man ablehnt und auf gar keinen Fall mehr will und dem, was man als sehnsüchtige Ahnung in sich trägt, aber (noch) nicht benennen kann, bezieht die Geschichte ihre Kraft und ihre Glaubwürdigkeit.

Ein Zustand zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht, in dem Hoffnung und Scheitern, die Euphorie eines Neubeginns und Verzweiflung über das unmöglich Mögliche ganz eng beieinanderliegen.

„Aufprall“ ist das Produkt eines Autoren-Kollektivs. Der Soziologe Heinz Bude, die Künstlerin Bettina Munk und die Schriftstellerin Karin Wieland waren damals, Anfang der 80er Jahre, selbst Teil der Hausbesetzerszene und sie haben den Roman zu dritt geschrieben. Erlebte Fakten werden in Fiktion verwandelt, wenn Heinz Bude, pop-intellektueller Meister makrosoziologischer Beschreibungen, in der Figur des Thomas die zeitgenössischen intellektuellen Debatten rund um Post-Marxismus, Poststrukturalismus und Dekonstruktion zum Oszillieren bringt und im Merve-Verlag ihr berlinspezifisches Epizentrum ausmacht.  Das Buch sei ein „Lebensmittel, um einer Spur zu folgen, um eine Spur zu hinterlassen“, lässt Thomas den Merve-Verleger Thomas Gente orakeln.

Oder die Künstlerin Bettina Munk, die aus der Innensicht von Luise die erlebte Wirklichkeit unter den Bedingungen des Ästhetischen nachzeichnet und ein ebenso sensibles wie gnadenloses Bild der Macho-Kunstszene rund um die Oranienstraße entwirft. „Es galt die Malerfaust, die exzessive, existenzielle Haltung“, schreibt Luise. Mit der Galerie am Moritzplatz, Nachfolger der legendären Galerie „Großgörschen 35“ wird die Genealogie eines männerdominierten Kunstbetriebs nachgezeichnet, zu dem die Malerfürsten Hödicke und Lüpertz sowie deren Schüler Fetting, Salomé und Middendorf gehörten. Für Künstlerinnen war da kein Platz.

Und dann gibt es noch die Kapitel in der Wir-Form als weiblicher Chor, der den kollektiven und notwendigerweise disparaten Erlebniswirklichkeiten der Haupt- und Nebenrollen eine vielstimmige Stimme verleiht. Man ist versucht, diese Rolle Katrin Wieland, der dritten im Bunde des Autorenkollektivs, zuzuweisen. Zumal Wieland eine Schriftstellerin ist, die sich in ihren Büchern mit historischen Geschlechterbildern in Kunst und Literatur auseinandersetzt. 

Doch das wäre zu einfach. Die Figuren in „Aufprall“ sind „Mischfiguren“ in denen wie im Traum die Züge verschiedener Gefährtinnen und Gefährten zusammengezogen sind.Die biografischen Verweislinien verweben sich zu einem großen Panorama, das zwischen Kulturtheorie, Politik, Kunst und Feminismus aufgespannt wird und innerhalb dessen das wilde und widersprüchliche Leben zwischen Sitzungen im Besetzerrat, Protestdemos, Liebesdramen, Senatsverhandlungen, Nazi-Überfällen und nächtlichen Gelagen in der selbstgezimmerten „home bar“ Kontur gewinnt.

Den Soundtrack liefert der Punk. „Geschichte wird gemacht“, der berühmte Song von Fehlfarben, und die „Kebab Träume“ der Deutsch Amerikanischen Freundschaft tauchen als Kapitelüberschriften auf und transportieren den Rhythmus aus Rotzigkeit und Rebellion, Rastlosigkeit und Ratlosigkeit, mit dem das SO36 damals die Erde erbeben ließ.

Und dann bricht plötzlich der Tod herein. Ganz archaisch und ganz real.

Der titelgebende „Aufprall“ findet statt als ein Autounfall während einer Reise nach Prag, die Soraya, Thomas, Luise und Elena im Winter 1982 in einem alten Mercedes unternehmen. Auf einer Kreuzung werden sie von einem sowjetischen Militärtransporter gerammt. Soraya ist sofort tot, Thomas und Elena kommen mit einem Schrecken davon. Luise wird lebensgefährlich verletzt und muss wochenlang im Krankenhaus verbringen. Die Verletzungen hinterlassen nicht nur körperliche Spuren, sondern graben sich als existenzielle Erfahrung tief in die Geschichte ein.

Der Tod ist der einzige Fehler im System, gegen den man nicht ankommt.

„Der Schock von Sorayas Tod war wie ein Loch im Sein“, beschreibt Luise den Verlust der Freundin.  Dieses Loch im Sein bildet das Kraftfeld, von dem aus die individuellen Erinnerungsfragmente sich entfalten, Kreise bilden, sich vermischen und überlagern. Ich habe mich beim Lesen die ganze Zeit gefragt, wie die Autorinnen das eigentlich hinbekommen haben, ihre Erfahrungen und unterschiedlichen Erzählperspektiven so miteinander zu verweben, dass dabei etwas Ganzes entsteht – ein Roman – und trotzdem jede aus dem Trio ihre eigenen Spielräume behält.

Es ist genau diese Vielstimmigkeit, in der sich das Lebensgefühl der Generation der sogenannten Babyboomer entfaltet. Vor allem (aber nicht nur), wenn sie ihre 20er in Westberlin verbrachten. So wie ich, die erst ein paar Jahre später, kurz vor dem Mauerfall, in die Stadt kam. Die Situation hatte sich inzwischen verändert. Aus Hausbesetzern waren Loftbesitzer geworden und Freiheit schmeckte schon ein bisschen neoliberal und suchte sich mit dem Beginn der Billigfliegerei globale Ziele. Trotzdem erschienen all die Leerstellen in der Stadt (gemeint sie die Baulücken ebenso wie die noch nicht „dingfest“ gemachten Phantasien) für uns nach wie vor als ein permanentes Versprechen.

Nichts war entschieden, alles schien machbar.

„Ich könnte eigentlich alles, aber letztendlich kann ich nichts. Ich habe nur das Gefühl, ich könnte alles. Wir waren schließlich die erste Generation, die durch den Fernseher die große weite Welt gesehen hat“, sagt Robert an einer Stelle und trifft damit ein typisches Gefühl meiner Generation ziemlich genau. Auf der einen Seite der wahnwitzige Anspruch, aus der Fülle an Optionen eine neue Welt zu zimmern, auf der anderen Seite das Gefühl, von den Möglichkeiten erschlagen zu werden. Großartig in seiner Großspurigkeit mit einem Hauch Selbstironie ist in diesem Zusammenhang auch die Charakterisierung von Thomas:

„Jeder von uns wollte ein Buch schreiben, einen Film drehen, ein Theaterstück inszenieren, ein Bild malen, einen Leitartikel hinhauen, eine Band gründen, eine Galerie betreiben, eine Bar aufmachen, ein Designstudio eröffnen, eine Performance aufführen, einen Bau entwerfen oder eine Bewegung in Gang setzen.“

So, here we are. Wo auch immer das ist. Mit oder ohne Bar, Bild oder Band – eins ist auf jeden Fall klar, liebe Berlinerinnen, liebe Babyboomer: das ist euer Buch!

Und allen weiteren X,Y und Z-Generationen sei „Aufprall“ ebenfalls wärmstens empfohlen – schon allein wegen der ganz analogen Wucht der Geschichte.

Heinz Bude/Bettina Munk/Karin Wieland: Aufprall. Roman; Hanser Verlag, München 2020

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